Während Ökonomen über eine abkühlende Konjunktur und steigende Arbeitslosenzahlen diskutieren, gilt in vielen Werkstätten und auf den Baustellen das Gegenteil: 2025 blieben rund 100.000 Stellen im Handwerk rechnerisch unbesetzt. Das zeigt eine neue Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft. Die vielbeschworene Entspannung am Arbeitsmarkt geht am Handwerk fast vollständig vorbei. Und das hat Folgen weit über die Branche hinaus, denn ohne Handwerk gibt es keine Energiewende, keine sanierten Wohnungen und keine funktionierende Infrastruktur.


Die Studie KOFA Kompakt 7/2026, verfasst von der Ökonomin Lydia Malin, liefert eine unbequeme Momentaufnahme. Gesamtwirtschaftlich ist die Fachkräftelücke im vergangenen Jahr deutlich geschrumpft, um 24,1 Prozent. Im Handwerk betrug der Rückgang dagegen nur 9,5 Prozent. Anders gesagt: Wo andere Branchen von der schwächeren Wirtschaftslage profitieren und leichter Personal finden, bleibt der Engpass im Handwerk hartnäckig bestehen.
Noch deutlicher wird das Bild beim Blick auf einzelne Gewerke. In 59 von 115 untersuchten Handwerksberufen herrscht ein Engpass, in 35 davon sogar seit mindestens zehn Jahren. Das ist kein konjunkturelles Zwischentief, sondern ein struktureller Dauerzustand. Besonders betroffen sind drei Bereiche: das Bauhandwerk, das für Energiewende und Infrastruktur gebraucht wird, die Gesundheitshandwerke, deren Nachfrage mit der alternden Bevölkerung steigt, und das Lebensmittelhandwerk. In allen drei Feldern trifft hohe gesellschaftliche Bedeutung auf akuten Personalmangel.
Man könnte annehmen, dass eine schwächere Wirtschaft auch dem Handwerk mehr Bewerber zuspült. Die Zahlen widerlegen das. Der Grund liegt in der Demografie und in der Passung. Die geburtenstarken Jahrgänge, die heute einen großen Teil der Meister und Gesellen stellen, gehen in den kommenden Jahren in Rente. Gleichzeitig entscheiden sich zu wenige junge Menschen für eine handwerkliche Ausbildung, und wer freigesetzt wird, etwa aus der schwächelnden Industrie, bringt selten die passende Qualifikation für einen Elektro- oder Sanitärbetrieb mit.
Hinzu kommt ein Imageproblem, das sich hartnäckig hält, obwohl es der Realität immer weniger entspricht. Viele Eltern und Jugendliche verbinden mit dem Handwerk noch immer schlechte Bezahlung und wenig Perspektive. Tatsächlich sind gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker heute gefragter und oft besser bezahlt als mancher Akademiker mit unsicherer Berufsaussicht. Diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit ist ein Teil des Problems, aber auch ein Ansatzpunkt für die Lösung.
Was auf dem Spiel steht, reicht dabei weit über die einzelnen Betriebe hinaus. Ohne genügend Elektriker, Anlagenmechaniker und Dachdecker lassen sich weder Wärmepumpen einbauen noch Dächer für Solaranlagen ertüchtigen noch marode Brücken sanieren. Der Mangel im Handwerk ist damit einer der stillen Engpässe der Energiewende und der Infrastrukturmodernisierung. Wer über zu langsame Klimafortschritte klagt, sollte auch über die fehlenden Fachkräfte sprechen, die diese Fortschritte mit ihren Händen umsetzen müssten.
Die Studie ist trotz der ernüchternden Gesamtzahl kein reines Klagelied. Malin bringt es in einem bemerkenswerten Satz auf den Punkt: "Handwerksberufe sind nicht per se unattraktiv. In einigen Gewerken mit Fachkräftemangel kann sogar von einer Renaissance der Ausbildung gesprochen werden." Und genau diese Spaltung ist das eigentlich Lehrreiche an der Analyse.
Es gibt Gewerke, in denen die Ausbildungszahlen steigen, teils deutlich: die Bauelektrik, die Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie die Dachdeckerei verzeichnen mehr Bewerber, mehr Ausbildungsplätze und mehr abgeschlossene Verträge. Es sind, kein Zufall, die Berufe rund um Energiewende und Gebäudetechnik, deren gesellschaftliche Bedeutung junge Menschen unmittelbar verstehen. Auf der anderen Seite stehen Gewerke mit rückläufigen Zahlen: der Metallbau, das Holz-, Möbel- und Innenausbauhandwerk sowie die Augenoptik.
Diese Zweiteilung zeigt, dass der Fachkräftemangel im Handwerk kein Naturgesetz ist. Wo ein Beruf einen sichtbaren Sinn und eine klare Zukunftsperspektive bietet und wo Betriebe aktiv um Nachwuchs werben, funktioniert die Gewinnung. Wo das Berufsbild diffus bleibt und die Ansprache dem Zufall überlassen wird, bricht sie weg. Die Betriebe sind der Entwicklung also nicht hilflos ausgeliefert.
Aus der Studie und aus unserer Beratungspraxis lassen sich fünf Hebel ableiten, mit denen gerade kleine und mittlere Betriebe ihre Nachwuchs- und Fachkräftesicherung verbessern:
Ein Wort zur Vergütung, weil sie in der Debatte oft zu kurz kommt: Wer im Wettbewerb um Nachwuchs bestehen will, sollte bei der Ausbildungsvergütung nicht am unteren Rand kalkulieren. Die tariflichen Ausbildungsvergütungen sind zuletzt spürbar gestiegen, und junge Menschen vergleichen genau. Ein Betrieb, der hier knausert, spart an der falschen Stelle.
Die IW-Zahlen lassen wenig Raum für Illusionen: Der Fachkräftemangel im Handwerk ist kein vorübergehendes Konjunkturphänomen, sondern ein struktureller Dauerzustand, den die aktuelle Wirtschaftsschwäche nicht auflöst. Genau darin liegt aber auch die Botschaft, die Mut macht. Die Beispiele der wachsenden Gewerke zeigen, dass Betriebe den Trend drehen können, wenn sie Ausbildung ernst nehmen, neue Zielgruppen erschließen und ihren Nachwuchs halten. Unsere Haltung ist klar: Wer heute auf bessere Zeiten am Bewerbermarkt wartet, wartet vergeblich. Wer stattdessen jetzt in Ausbildung und Bindung investiert, verschafft sich einen Vorsprung, den die Zögerer kaum noch aufholen.
Wenn Sie Fach- und Führungskräfte suchen, die sich über die üblichen Kanäle nicht mehr finden lassen, sprechen Sie mit uns. Als Recruiting-Agentur kennen wir die Engpassberufe und wissen, wie man auch in einem leergefegten Markt die richtigen Menschen erreicht und für einen Wechsel gewinnt.
Häufige Fragen zum Fachkräftemangel im Handwerk
Laut der IW-Analyse KOFA Kompakt 7/2026 blieben 2025 rund 100.000 Stellen in Handwerksberufen rechnerisch unbesetzt. Die Fachkräftelücke im Handwerk ging nur um 9,5 Prozent zurück, während sie gesamtwirtschaftlich um 24,1 Prozent schrumpfte.
In 59 von 115 Handwerksberufen herrscht ein Engpass, in 35 davon seit mindestens zehn Jahren. Besonders betroffen sind das Bauhandwerk, die Gesundheitshandwerke und das Lebensmittelhandwerk.
Nein. Das Bild ist gespalten. In Gewerken wie Bauelektrik, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Dachdeckerei steigen die Ausbildungszahlen, während sie im Metallbau, im Holz- und Innenausbau sowie in der Augenoptik zurückgehen.
Die eigene Ausbildung. Wer selbst ausbildet, sichert sich passgenaue Fachkräfte und ist unabhängiger vom leergefegten Bewerbermarkt. Entscheidend sind sichtbare Ansprache, eine erweiterte Zielgruppe und die konsequente Begleitung der Auszubildenden.
Ja, auch wenn Anerkennung und Einwanderung Aufwand bedeuten. Angesichts der demografischen Lage ist internationale Rekrutierung für viele Gewerke keine Kür mehr, sondern eine Notwendigkeit. Unterstützungsangebote von Kammern und Behörden erleichtern den Einstieg.
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Institut der deutschen Wirtschaft (IW) / KOFA, Lydia Malin: Fachkräftesicherung im Handwerk, KOFA Kompakt 7/2026, https://www.iwkoeln.de/studien/lydia-malin-fachkraeftesicherung-im-handwerk-ausbildung-zwischen-krise-und-renaissance.html

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