141.000 Beschäftigte mit deutscher Staatsangehörigkeit hat Ostdeutschland zwischen Dezember 2023 und Dezember 2025 verloren, ein Rückgang von 2,5 Prozent in nur zwei Jahren. Wäre in derselben Zeit nicht die Zahl der Beschäftigten ohne deutsche Staatsangehörigkeit um 90.000 gestiegen, läge das Minus bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung insgesamt nahezu doppelt so hoch. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, veröffentlicht am 14. August 2026. Für Unternehmen in den neuen Bundesländern ist das keine abstrakte demografische Randnotiz, sondern die Erklärung dafür, warum ihre offenen Stellen überhaupt noch besetzbar sind.


Wido Geis-Thöne und Benita Zink vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) haben in ihrem Kurzbericht Nr. 53/2026 berechnet, wie viel Beschäftigte ohne deutsche Staatsangehörigkeit unmittelbar zur Wirtschaftsleistung in Ostdeutschland beitragen. Das Ergebnis für 2025: 68,3 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung, das entspricht 10,5 Prozent der gesamten ostdeutschen Wirtschaftsleistung. Rechnet man die indirekten und induzierten Effekte über Zulieferketten und Konsumausgaben mit ein, steigt der Beitrag auf 92,4 Milliarden Euro oder 14,3 Prozent.
Die eigentliche Pointe der Studie liegt in der zeitlichen Einordnung. Wären in Ostdeutschland heute noch genauso viele ausländische Beschäftigte tätig wie 2015, läge ihr unmittelbarer Wertschöpfungsbeitrag nur bei 23,5 Milliarden Euro. Rund zwei Drittel des heutigen Beitrags entfallen also auf Menschen, die erst in den vergangenen zehn Jahren zugewandert sind. Das ist kein Randeffekt einer ohnehin diversifizierten Wirtschaft, sondern der eigentliche Wachstumstreiber der Beschäftigung im Osten.
Der bundesweite Vergleich zeigt, wie ungleich die demografische Last verteilt ist. Während die Gesamtbeschäftigung in Deutschland zwischen Dezember 2023 und Dezember 2025 sogar um 0,2 Prozent stieg, ging die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in den sechs ostdeutschen Bundesländern insgesamt um 0,8 Prozent zurück. Am stärksten traf es Thüringen mit einem Rückgang der deutschen Beschäftigten um 3,2 Prozent, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 3,1 Prozent und Sachsen mit 2,6 Prozent. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern lag der Rückgang bei jeweils 2,0 Prozent, in Berlin bei 2,1 Prozent.
Der Anteil ausländischer Beschäftigter an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Osten hat sich in genau dieser Lücke fast verdreifacht: von 4,8 Prozent im Dezember 2015 auf 13,3 Prozent im Dezember 2025. In Brandenburg stieg der Anteil von 3,9 auf 13,1 Prozent, in Thüringen von 2,8 auf 10,2 Prozent, in Sachsen von 2,8 auf 9,4 Prozent. Berlin, das ohnehin einen höheren Ausgangswert hatte, verdoppelte seinen Anteil noch einmal von 11,1 auf 22,4 Prozent. Ohne diese Entwicklung wäre der Fachkräftemangel in ostdeutschen Betrieben schlicht nicht das Problem, das er heute ist, er wäre eine handfeste Betriebsschließungswelle.
Unter den insgesamt 845.000 ausländischen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Ostdeutschland stellten im Dezember 2025 polnische Staatsangehörige mit 137.000 Personen die größte Gruppe, ein Anteil von 16,2 Prozent, in Sachsen-Anhalt sogar 18,4 Prozent. Insgesamt entfielen fast 30 Prozent der ausländischen Beschäftigten im Osten auf die seit 2004 der EU beigetretenen Staaten. Genau hier liegt ein Risiko, das viele Unternehmen noch nicht auf dem Schirm haben: Seit 2024 beobachtet das IW eine zunehmende Rückwanderung in diese Länder, vor allem nach Polen, ausgelöst durch die dortige wirtschaftliche und demografische Entwicklung. Zwischen Dezember 2023 und Dezember 2025 hat Ostdeutschland dadurch bereits 7.800 Beschäftigte aus den neuen EU-Mitgliedsländern verloren.
Die zweitgrößte Gruppe stellen ukrainische Staatsangehörige mit einem Anteil von 7,4 Prozent, in Sachsen-Anhalt 10,4 Prozent. Hier ist laut IW-Prognose noch ein deutlicher Anstieg zu erwarten, weil der Integrationsprozess der Geflüchteten weiter voranschreitet und weiterhin Menschen aus der Ukraine nach Deutschland kommen. Anders sieht es bei Geflüchteten aus dem außereuropäischen Raum aus. Die acht Hauptherkunftsländer, darunter Afghanistan, Syrien und Nigeria, kommen im Osten zusammen auf 12,7 Prozent der ausländischen Beschäftigten, doch die Zuzüge sind zuletzt stark zurückgegangen. Die Gründe liegen laut den Studienautoren teils in einer verschärften Migrationspolitik in Deutschland und Europa, teils im Machtwechsel in Syrien selbst.
Wenn Zuwanderung so unverzichtbar für die ostdeutsche Wirtschaft ist, müsste die Politik den Zugang eigentlich erleichtern. Ein zentrales Instrument dafür ist die Chancenkarte, die seit Juni 2024 qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten erlaubt, ohne konkretes Jobangebot zur Arbeitssuche nach Deutschland einzureisen. Ein IW-Kurzbericht vom November 2025 zieht dazu eine ernüchternde Zwischenbilanz. Bis zum 15. Juni 2025 wurden bundesweit 11.497 Chancenkarte-Visa ausgestellt, fast ein Drittel davon an Menschen aus Indien, mit deutlichem Abstand folgt China mit 807 Visa.
Das Grundproblem liegt nicht am Interesse, sondern an der Umsetzung. Die Studie zählt 104 unterschiedliche Rechtsgrundlagen für nationale Visa, die selbst erfahrene Personalabteilungen kaum durchschauen. Behörden legen zentrale Fragen, etwa ob ein Nebenjob-Vertrag als Nachweis der Lebensunterhaltssicherung reicht, unterschiedlich aus. Bearbeitungszeiten schwanken von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten, je nach Auslandsvertretung. Die Bundesregierung selbst räumt ein, keine verlässlichen Daten darüber zu haben, wie viele Chancenkarte-Inhaber am Ende tatsächlich eine Beschäftigung gefunden haben, weil die Register nicht miteinander verknüpft sind. Die im Koalitionsvertrag angekündigte digitale Work-and-Stay-Agentur, die genau das ändern soll, existiert bislang nicht.
Die Studienlage liefert für Personalabteilungen einige klare Ansatzpunkte, unabhängig davon, wann die politische Verwaltung nachzieht:
Die Zahlen des IW lassen wenig Interpretationsspielraum. Ohne die ausländischen Beschäftigten, die in den vergangenen zehn Jahren nach Ostdeutschland gekommen sind, sähe die wirtschaftliche Lage in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen deutlich düsterer aus. Die politische Debatte um Migration führt in vielen Bundesländern trotzdem einen anderen Ton, während die Verwaltung bei Instrumenten wie der Chancenkarte weiterhin an Zuständigkeiten und Bearbeitungszeiten scheitert, statt den Zugang zu erleichtern. Für Unternehmen im Osten heißt das: Wer auf schnellere Behördenprozesse wartet, wartet möglicherweise vergebens. Wer stattdessen selbst aktiv auf internationale Fachkräfte zugeht und ihnen die Integration erleichtert, sichert sich schon heute einen Vorsprung, den die Konkurrenz erst entdeckt, wenn die nächste Ruhestandswelle die eigene Belegschaft trifft. Wenn Sie wissen wollen, wie sich internationale Zielgruppen für Ihre offenen Stellen erschließen lassen, sprechen Sie mit uns, wir kennen die Kanäle, über die diese Kandidaten heute tatsächlich erreichbar sind.
Häufige Fragen zur Zuwanderung in Ostdeutschland
Laut IW-Kurzbericht Nr. 53/2026 lag ihr unmittelbarer Beitrag zur Bruttowertschöpfung 2025 bei 68,3 Milliarden Euro oder 10,5 Prozent der gesamten ostdeutschen Wirtschaftsleistung. Mit indirekten und induzierten Effekten steigt der Beitrag auf 92,4 Milliarden Euro oder 14,3 Prozent.
Ja, deutlich stärker. Zwischen Dezember 2023 und Dezember 2025 verloren die ostdeutschen Bundesländer 141.000 Beschäftigte mit deutscher Staatsangehörigkeit. Die Zunahme ausländischer Beschäftigter um 90.000 hat diesen Rückgang etwa halbiert.
Die Chancenkarte erlaubt qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten seit Juni 2024 die Einreise zur Arbeitssuche ohne vorheriges Jobangebot. Bis Juni 2025 wurden rund 11.500 Visa ausgestellt, doch uneinheitliche Behördenpraxis, lange Bearbeitungszeiten und fehlende Datenverknüpfung erschweren die praktische Umsetzung.
Polnische Staatsangehörige sind mit 16,2 Prozent die größte Gruppe unter den 845.000 ausländischen Beschäftigten im Osten, gefolgt von ukrainischen Staatsangehörigen mit 7,4 Prozent. Insgesamt entfallen fast 30 Prozent auf die 2004 der EU beigetretenen Staaten.
Ja, in Teilen. Seit 2024 beobachtet das IW eine zunehmende Rückwanderung von Beschäftigten aus den neuen EU-Mitgliedsländern, vor allem nach Polen. Zwischen Dezember 2023 und Dezember 2025 hat Ostdeutschland dadurch bereits 7.800 Beschäftigte verloren.
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Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln), Kurzbericht Nr. 53/2026, Wido Geis-Thöne / Benita Zink, 14.08.2026.
IW-Kurzbericht Nr. 96/2025, Jeannette Michaelle Nintcheu, 28.11.2025 (Chancenkarte).
Bundesagentur für Arbeit, verschiedene Jahrgänge, zitiert nach IW-Berechnungen.

3.007.000 Menschen waren im Juli 2026 arbeitslos gemeldet, gleichzeitig standen 653.000 offene Stellen in den Listen der Bundesagentur für Arbeit.
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Die Generation Z arbeitet so viel wie keine junge Generation vor ihr, sie tut es nur zu ihren Bedingungen und an teils anderen Orten. Unsere Haltung ist klar: Arbeitgeber, die weiter über die faule Jugend klagen, betreiben Realitätsverweigerung auf Kosten ihrer eigenen Personalgewinnung.
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Arbeitgeber sollten das Thema weder überhöhen noch ignorieren. Wer es nüchtern erklärt und geschickt mit dem eigenen Vorsorgeangebot verknüpft, verwandelt eine politische Randnotiz in einen glaubwürdigen Beitrag zum finanziellen Wohl der eigenen Belegschaft.
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