Die deutsche Wirtschaft soll 2026 um 1,2 und 2027 um 1,0 Prozent wachsen, und trotzdem rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bis Ende 2027 mit 350.000 Erwerbstätigen weniger. Das klingt nach Krise, ist aber vor allem Statistik der Demografie: Die Babyboomer gehen, und zu wenige Junge rücken nach. Für Personalverantwortliche ist das unbequemer als eine Rezession, denn weniger Beschäftigte bedeuten nicht automatisch mehr verfügbare Bewerber.


Die Prognose erschien am 24. September 2026 als IAB-Kurzbericht 17/2026 und umfasst 2026 und 2027. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt demnach 2026 um 210.000 und 2027 um weitere 140.000. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung geht 2026 um 70.000 auf 34,89 Millionen zurück, 2027 um weitere 40.000 auf 34,85 Millionen. Laut IAB beruhen die Rückgänge ausschließlich auf der Vollzeitbeschäftigung. Die Arbeitslosigkeit steigt 2026 um 50.000 auf knapp 3,0 Millionen, 2027 nur noch leicht um etwa 20.000.
IAB-Forscher Enzo Weber ordnet es so ein: 2026 sei das erste Jahr seit der Weltfinanzkrise 2009, in dem die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht mehr wächst. Klare Verbesserungen seien nicht absehbar, mit stabiler Konjunktur dürfte der Anstieg der Arbeitslosigkeit aber zu einem Ende kommen. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer vom 28. September zeigt dasselbe Bild: Die Arbeitslosigkeitskomponente lag bei 99,9 Punkten, nahe an der neutralen Marke von 100, die Beschäftigungskomponente ist schwächer. Weber fasst zusammen, der Arbeitsmarkt schrumpfe.
Dass beides gleichzeitig möglich ist, erklärt das Arbeitskräfteangebot. Allein durch die Demografie verliert Deutschland nach der IAB-Prognose 2026 rund 470.000 und 2027 rund 490.000 potenzielle Arbeitskräfte. Das Erwerbspersonenpotenzial, also Erwerbstätige plus verfügbare Arbeitskräfte, sinkt 2026 um rund 70.000 und 2027 um rund 140.000. Dazu kommt, dass aus dem Ausland weniger Arbeitskräfte nach Deutschland kommen, wie dpa zur Regionalprognose festhält. Wenn Stellen wegfallen und gleichzeitig Menschen in Rente gehen, steigt die Arbeitslosigkeit kaum, die Zahl der Beschäftigten sinkt trotzdem.
Das ist eine Verschiebung gegenüber dem Bild der letzten Jahre, in dem wachsende Beschäftigung die steigende Arbeitslosigkeit teilweise verdeckte. Ein Arbeitsmarkt, der schrumpft, ist nicht dasselbe wie ein Arbeitsmarkt in der Krise, und er verlangt andere Antworten.
Die Verteilung der Jobs zeigt die zweite Linie. Das IAB erwartet für die Industrie 2026 einen Beschäftigungsrückgang von rund 160.000 Personen, 2027 von weiteren 130.000. Weber nennt die Umbrüche der Transformation, den unsicheren Außenhandel durch die US-Zollpolitik und den Konflikt im Nahen Osten als Belastung vor allem für das Produzierende Gewerbe. Steigende Verteidigungsausgaben können den Rückgang nach Einschätzung des IAB nicht flächendeckend ausgleichen. Zusätzliche Wachstumsimpulse kommen vor allem aus staatlichen Investitionen.
Gleichzeitig wächst die Beschäftigung bei öffentlichen Diensten, Erziehung und Gesundheit, 2026 um rund 170.000 und 2027 um knapp 150.000. Die Zahl der Selbstständigen sinkt nach der Zusammenfassung des IAB-Berichts 2026 um 60.000 auf 3,61 Millionen und 2027 auf 3,56 Millionen, den niedrigsten Stand seit 1991. Zusammen mit dem Stellenabbau in der Autoindustrie und der Rekord-Teilzeitquote ergibt sich dasselbe Muster: Vollzeitstellen in der Industrie fallen weg, Teilzeitstellen in Pflege und Bildung entstehen.
Die IAB-Regionalprognose vom 9. Oktober macht die Unterschiede sichtbar. Beschäftigungszuwächse für 2027 erwartet das IAB nur noch in Berlin (plus 0,7 Prozent), Brandenburg und Niedersachsen (jeweils plus 0,1 Prozent). Für West- wie Ostdeutschland erwartet das IAB jeweils einen Rückgang von 0,1 Prozent. Am stärksten sinkt die Beschäftigung im Saarland (minus 1,3 Prozent), in Thüringen (minus 0,7 Prozent), in Bremen und Sachsen-Anhalt (jeweils minus 0,6 Prozent).
Bei der Arbeitslosigkeit ist das Bild gegenläufig: Sie soll bundesweit um 0,7 Prozent steigen, am stärksten in Sachsen (plus 1,9 Prozent), Berlin (plus 1,8 Prozent) und Schleswig-Holstein (plus 1,7 Prozent). In Mecklenburg-Vorpommern (minus 3,9 Prozent) und Thüringen (minus 1,8 Prozent) geht sie dagegen zurück. Das Beispiel Thüringen zeigt, wie ungewohnt die Lage ist: Das IAB erwartet dort 2027 rund 70.000 Arbeitslose, etwa 1.300 weniger als 2026, aber auch nur noch rund 771.800 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. IAB-Forscher Per Kropp spricht von einer Kombination aus schwieriger Konjunktur und demografischer Entwicklung. Die höchste Arbeitslosenquote aller Länder hat aktuell Bremen mit 11,3 Prozent, die niedrigste Bayern mit 4,1 Prozent. IAB-Forscherin Anja Rossen sagt, auf den regionalen Arbeitsmärkten zeige sich noch keine generelle Trendwende.
Hier beginnt die Einschätzung, die Prognose selbst sagt dazu nichts. Dass die Arbeitslosigkeit mit knapp drei Millionen hoch bleibt und die Beschäftigung zugleich schrumpft, macht die Suche nach Fachkräften nicht leichter, sondern verschiebt sie. Nach dem KOFA standen im März 2026 etwa 1,3 Millionen arbeitslose qualifizierte Arbeitskräfte knapp 1,1 Millionen offenen Stellen gegenüber, und trotzdem blieb eine Fachkräftelücke von rund 357.000 Stellen. Die Engpässe entstehen also an anderen Orten und in anderen Berufen als die Arbeitslosigkeit.
Für Betriebe heißt das: Suchen Sie dort, wo Beschäftigung abgebaut wird, und dort, wo sie wächst, denn die Industrie setzt Fachkräfte frei, die im Gesundheitswesen oder in der Energieversorgung gebraucht werden. Wer in Regionen mit sinkender Beschäftigung sitzt, etwa im Saarland oder in Thüringen, spürt den Wettbewerb um jede Fachkraft stärker als der Durchschnitt. Und wer Vollzeitstellen besetzen will, konkurriert mit einem Markt, in dem Teilzeit wächst und Vollzeit schrumpft.
Ein schrumpfender Arbeitsmarkt in einer wachsenden Wirtschaft ist neu und passt in keines der gewohnten Schlagworte. Es ist weder Fachkräftemangel im alten Sinn noch eine Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit, sondern eine Verschiebung: weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, weniger Vollzeit, Jobs in anderen Branchen und an anderen Orten. Betriebe, die ihre Personalplanung weiter auf frühere Zeiten ausrichten, werden das zuerst bei der Besetzung merken. Wer Regionen, Branchenwechsler und vorhandene Beschäftigte ernst nimmt, kommt besser durch 2027. Recrutis unterstützt Sie dabei, Ihre Personalplanung an der Lage Ihres Standorts auszurichten und passende Fachkräfte auch jenseits der klassischen Branchengrenzen zu finden.
Häufige Fragen zum Arbeitsmarkt 2027
Insgesamt 350.000: 210.000 weniger im Jahr 2026 und weitere 140.000 im Jahr 2027.
Vor allem wegen der Demografie. Allein dadurch verliert das Arbeitskräfteangebot 2026 und 2027 rund 470.000 und 490.000 Menschen, dazu kommt der Stellenabbau in der Industrie.
Nur noch leicht: um 50.000 im Jahr 2026 auf knapp drei Millionen und um etwa 20.000 im Jahr 2027. Mit stabiler Konjunktur dürfte der Anstieg enden.
Nur in Berlin (plus 0,7 Prozent) sowie in Brandenburg und Niedersachsen (jeweils plus 0,1 Prozent). Am stärksten sinkt sie im Saarland (minus 1,3 Prozent).
Die Industrie verliert 2026 etwa 160.000 und 2027 weitere 130.000 Stellen, öffentliche Dienste, Erziehung und Gesundheit legen 2026 um rund 170.000 zu.
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Gartner, Hellwagner, Hummel, Hutter, Lochner, Wanger, Weber, Zika: IAB-Prognose 2026/2027: Erwerbstätigkeit schrumpft trotz besserer Konjunktur, IAB-Kurzbericht 17/2026, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Presseinformation vom 24.09.2026.
dpa: Arbeitsmarkt schrumpft: 350.000 Erwerbstätige weniger bis 2027, 25.09.2026.
retail-news.de: IAB erwartet sinkende Erwerbstätigkeit trotz Konjunkturerholung, September 2026.
dpa: IAB-Arbeitsmarktbarometer: Beschäftigung schrumpft, 28.09.2026.
dpa: IAB: Beschäftigung sinkt in weiten Teilen Deutschlands, 09.10.2026.
epd: Prognose für 2027: Beschäftigung wächst nur in drei Bundesländern, 09.10.2026.
dpa: IAB-Studie: Pensionswelle verringert Arbeitslosigkeit in Thüringen, 14.10.2026.
Philip Herzer, Gero Kunath: KOFA Kompakt 5/2026: Fachkräftereport März 2026, IW Köln, Mai 2026.

Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt noch 691.500 Menschen in der Autoindustrie. Das sind 42.300 weniger als ein Jahr zuvor, ein Minus von 5,8 Prozent und der niedrigste Stand seit Beginn der Reihe im Jahr 2005.

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