Im zweiten Quartal 2026 wurden in Deutschland rund 69 Millionen Arbeitsstunden weniger geleistet als im Vorjahresquartal. Gleichzeitig arbeiten Teilzeitkräfte im Schnitt etwas länger als vor einem Jahr, und die Teilzeitquote hat mit 40,3 Prozent einen neuen Höchstwert erreicht. Wer daraus schließt, die Deutschen wollten einfach weniger arbeiten, liest die Zahlen nur zur Hälfte. Hinter dem Rekord steckt vor allem eine Verschiebung zwischen den Branchen, und die Debatte um ein Recht auf Teilzeit trifft deshalb an vielen Stellen den falschen Punkt.


Die Zahlen stammen aus der Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), veröffentlicht am 1. September 2026. Die Teilzeitquote stieg im zweiten Quartal um 0,4 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahresquartal auf 40,3 Prozent. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten wuchs um 0,5 Prozent auf 16,936 Millionen, die der Vollzeitbeschäftigten sank um 0,9 Prozent auf 25,138 Millionen. Die Zahl der Erwerbstätigen ging um 0,5 Prozent auf 45,688 Millionen zurück, das Arbeitsvolumen sank um 0,5 Prozent auf 14,4 Milliarden Stunden. Die 40-Prozent-Marke ist dabei nicht neu: Für das zweite Quartal 2025 und das erste Quartal 2026 hatte das IAB schon 40,1 Prozent ausgewiesen.
Wichtig für die Einordnung: Die Quote hängt davon ab, wie man Teilzeit zählt. Das IAB rechnet auch ausschließlich geringfügig Beschäftigte und weitere marginal Beschäftigte der Teilzeit zu, das Statistische Bundesamt kommt auf Basis des Mikrozensus für abhängig Beschäftigte 2025 auf 31,9 Prozent. Beide Werte sind korrekt, sie messen Unterschiedliches. Im EU-Vergleich hatte Deutschland 2025 die zweithöchste Teilzeitquote nach den Niederlanden, tatsächlich gearbeitet wurden im Schnitt 33,9 Stunden pro Woche, der EU-Durchschnitt liegt bei 35,9.
Das IAB erklärt den Anstieg vor allem mit dem Strukturwandel. Beschäftigung entsteht dort, wo Teilzeit traditionell verbreitet ist, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in Erziehung und Unterricht. Gleichzeitig gehen Stellen in Branchen mit hohem Vollzeitanteil verloren, vor allem im Verarbeitenden Gewerbe. Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen, beschreibt es so: Die Konjunktur habe sich zuletzt gefestigt und die Arbeitszeit ziehe wieder etwas an, die Krisenbranche Industrie verliere aber viele Vollzeitstellen, sodass insgesamt weniger Stunden gearbeitet würden.
Wie stark das zusammenhängt, zeigt die Autoindustrie: Dort sind binnen eines Jahres 42.300 Stellen weggefallen, überwiegend Vollzeitstellen. Wenn eine Vollzeitstelle in der Fertigung wegfällt und eine Teilzeitstelle in der Pflege entsteht, steigt die Quote, ohne dass irgendjemand seine Arbeitszeit reduziert hätte. Hinzu kommt, dass die Quote Altersteilzeit mitzählt und mehr Frauen und Ältere erwerbstätig sind. Beide Gruppen arbeiten häufiger in Teilzeit.
Dass Teilzeitkräfte nicht immer kürzer treten, belegen die Wochenstunden: Sie stiegen im zweiten Quartal leicht auf 18,88, bei Vollzeitbeschäftigten blieben sie mit 38,32 Stunden unverändert. Für das Gesamtjahr 2025 hatte das IAB 18,7 Stunden bei Teilzeitkräften errechnet, 0,2 Stunden mehr als 2024.
Die Gründe sind vielfältig. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts nannten 2025 gut 28 Prozent der Teilzeitbeschäftigten den eigenen Wunsch als Hauptgrund, 23 Prozent die Betreuung von Kindern oder Angehörigen, 12 Prozent Fortbildung und fünf Prozent Krankheit oder Behinderung. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist groß: 32,4 Prozent der Frauen nannten familiäre Pflichten als Grund, aber nur 9,0 Prozent der Männer. 50,6 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen arbeiteten 2025 in Teilzeit, bei den Männern 14,3 Prozent. Der Frauenanteil an allen Teilzeitbeschäftigten lag 2024 laut IAB bei 72,5 Prozent.
Wer die Debatte ehrlich führen will, muss beides sehen. Es stimmt nicht, dass Millionen Beschäftigte gegen ihren Willen in Teilzeit festsitzen: Nach einer Auswertung im Wirtschaftsdienst geben 29 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer in Teilzeit an, dass sie gar keine Vollzeitstelle wünschen. Es stimmt aber ebenso wenig, dass es sich überwiegend um "Lifestyle-Teilzeit" handelt. Nur 4,8 Prozent nannten nach den Daten des Statistischen Bundesamts für 2024 als Grund, dass sie keine Vollzeitstelle gefunden haben, die Zahlen zur Betreuung und Pflege überwiegen deutlich.
Im Januar 2026 löste die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU mit einem Antrag für den Bundesparteitag eine Debatte aus. Unter dem Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" forderte sie, den Anspruch auf Teilzeit nur noch bei besonderen Gründen wie Kinderbetreuung, Pflege oder Weiterbildung zu gewähren. Der Antrag sah laut dpa auch vor, Teilzeitkräften Sozialleistungen wie Grundsicherung und Wohngeld nur noch bei besonderen Gründen zu zahlen. Die Kritik kam von vielen Seiten: von der SPD, den Grünen, Gewerkschaften und aus der CDU selbst. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sagte, der Antrag und seine Wortwahl gingen am Kern der Debatte vorbei, Innenminister Alexander Dobrindt sah keinen Änderungsbedarf. Der Arbeitsrechtler Sebastian Maiß verwies bei beck-aktuell darauf, dass Teilzeit Geld kostet und sich eine "Lifestyle-Teilzeit" nur wenige leisten können.
Rechtlich gilt der Anspruch aus Paragraf 8 des Teilzeit- und Befristungsgesetzes weiter. Er setzt in der Regel mehr als 15 Beschäftigte im Betrieb und sechs Monate Betriebszugehörigkeit voraus, der Arbeitgeber kann ihn nur aus gewichtigen betrieblichen Gründen ablehnen. Bei befristeter Teilzeit kehren Beschäftigte automatisch zur früheren Stundenzahl zurück. Ein Gesetzentwurf zur Einschränkung ist in den ausgewerteten Quellen nicht erwähnt. Parallel hält Bundeskanzler Friedrich Merz an dem Ziel fest, mehr Vollzeit zu ermöglichen, und verweist auf die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes.
Dass Deutschland mehr Arbeitsvolumen braucht, bestreiten die wenigsten. Susanne Wanger und Enzo Weber vom IAB kommen im Wirtschaftsdienst vom April 2026 zu dem Schluss, dass sich zusätzliche Stunden durchaus mobilisieren lassen, aber weniger über pauschale Einschränkungen als über bessere Anreize und passende Rahmenbedingungen. Zu diesen Rahmenbedingungen zählt der Ausbau der Kinderbetreuung, aber auch das Krankenstandsthema: Ein Krankentag weniger pro Beschäftigtem und Jahr würde das Arbeitsvolumen um 0,5 Prozentpunkte erhöhen.
Wo das Potenzial liegt, zeigt der öffentliche Dienst. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet vor, dass ein Wechsel aller Teilzeitkräfte in Bund, Ländern und Kommunen auf Vollzeit rund 634.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente brächte, der Beamtenbund beziffert den Personalmangel auf 631.000 Stellen. Realistisch ist das nicht, auch weil dafür die Kinderbetreuung ausgebaut werden müsste, und genau dort fehlt es im öffentlichen Dienst besonders an Personal.
Die Rekord-Teilzeitquote ist weniger Ausdruck nachlassender Arbeitslust als einer Wirtschaft im Umbruch, in der Vollzeitstellen in der Industrie verschwinden und Teilzeitstellen in Pflege und Bildung entstehen. Zugleich wäre es zu einfach, jede Teilzeit als Zwang zu deuten: Jede vierte Teilzeitkraft möchte keine Vollzeitstelle, und das muss eine Gesellschaft aushalten und planen. Wer mehr Arbeitsstunden will, kommt mit Verboten nicht weit. Bessere Betreuung, Anreize und attraktive Vollzeitmodelle helfen mehr als ein Streit um Schlagworte. Recrutis unterstützt Sie dabei, Arbeitszeitmodelle zu finden oder zu gestalten, die zu Ihrer Lebenssituation und zu Ihrem Unternehmen passen.
Häufige Fragen zur Teilzeitquote 2026
Nach der IAB-Arbeitszeitrechnung lag sie im zweiten Quartal bei 40,3 Prozent. Das Statistische Bundesamt kommt für abhängig Beschäftigte 2025 auf 31,9 Prozent, weil die Teilzeit dort enger abgegrenzt ist.
Vor allem wegen des Strukturwandels: Im Gesundheits- und Sozialwesen und im Bildungsbereich entstehen Stellen, in der Industrie fallen Vollzeitstellen weg. Dazu arbeiten mehr Frauen und Ältere.
Nein, im Schnitt leicht mehr: 18,88 Stunden pro Woche im zweiten Quartal 2026, 18,7 Stunden im Jahr 2025.
Ja, nach Paragraf 8 des Teilzeit- und Befristungsgesetzes, in der Regel bei mehr als 15 Beschäftigten und sechs Monaten Betriebszugehörigkeit. Ein Vorstoß der MIT zur Einschränkung ist bislang nicht umgesetzt.
Nach dem Statistischen Bundesamt waren es 2025 50,6 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen und 14,3 Prozent der Männer.
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Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das zweite Quartal 2026, 01.09.2026.
Lena Onderka: Teilzeitquote mit 40,3 Prozent auf Rekordhoch: arbeiten wir zu wenig?, Personalwirtschaft, 02.09.2026.
dpa: Rekord bei Teilzeit: Industrie verliert Vollzeitstellen, 01.09.2026.
epd: Teilzeitquote erreicht Rekordhoch, 01.09.2026.
Tim Eichler: Teilzeit erreicht neuen Höchststand und Vollzeit verliert Jobs, Münster Aktuell, 01.09.2026.
Susanne Wanger, Enzo Weber: Teilzeit und Krankenstand: Potenzial für mehr Arbeitsstunden?, Wirtschaftsdienst 4/2026, 24.04.2026.
dpa: Wegen Fachkräftemangel: CDU-Wirtschaftsflügel will Teilzeit-Anspruch stutzen, 25.01.2026.
epd: Führende Unionspolitiker lehnen Vorstoß gegen "Lifestyle-Teilzeit" ab, 27.01.2026.
Sebastian Maiß: Lifestyle-Teilzeit? In der Praxis sehe ich das kaum, beck-aktuell, 29.01.2026.
web.de / dpa: Lifestyle-Teilzeit abschaffen: Was halten die Deutschen davon?

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