Scroll Button
Blog / HR-Entscheider
5 Sterne 27 verifizierte Bewertungen

Ausbildungsmarkt 2026: Warum jede dritte Lehrstelle leer bleibt, obwohl Zehntausende Jugendliche keinen Platz finden

Rund 84.000 Jugendliche suchten Ende 2025 noch einen Ausbildungsplatz. Gleichzeitig blieben 54.400 Lehrstellen unbesetzt. Zum Start des neuen Ausbildungsjahres am 1. September wiederholt sich damit ein Muster, das auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt: Es gibt genug offene Stellen und genug Bewerber, aber die beiden Gruppen finden nicht zusammen. Für Unternehmen, die jetzt ihre Ausbildungsjahrgänge 2026/27 planen, ist das mehr als eine Randnotiz.

Rückläufige Zahlen, wachsende Lücke

Die Zahlen für 2025 zeichnen ein eindeutiges Bild. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden im vergangenen Jahr 461.900 neue duale Ausbildungsverträge abgeschlossen, ein Rückgang von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Berufsbildungsbericht 2026 des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend kommt für das gesamte duale System auf 476.700 Neuverträge, ein Minus von 2,1 Prozent. Das Ausbildungsstellenangebot der Betriebe sank auf 530.300 Stellen, 4,6 Prozent weniger als im Vorjahr.

Auf der anderen Seite der Rechnung wuchs die Zahl der jungen Menschen ohne Ausbildungsplatz um mehr als 19 Prozent auf rund 84.000. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) liefert dazu die Betriebsperspektive: Der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze liegt bei 30 Prozent. Das sind zwar fünf Prozentpunkte weniger als in den beiden Vorjahren, aber noch immer ein Niveau, das für ein duales System mit langer Tradition ungewöhnlich hoch ist. Auch die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe bröckelt: Nur noch 55 Prozent der ausbildungsberechtigten Betriebe und 29 Prozent aller Betriebe in Deutschland bildeten 2025 überhaupt aus.

Warum Passung nicht gelingt

Die Ursache liegt selten am fehlenden Interesse. IAB-Forscherin Barbara Schwengler bringt das Dilemma auf den Punkt: Trotz einer steigenden Zahl an Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz bleibe die Nichtbesetzungsquote hoch. Es handelt sich also nicht um ein Mengenproblem, sondern um ein Zuordnungsproblem. Regional, branchenspezifisch und nach Berufsbild klaffen Angebot und Nachfrage auseinander. In Nordrhein-Westfalen etwa standen Ende Juli 2026 rund 34.000 unbesetzte Ausbildungsplätze 47.000 suchenden Jugendlichen gegenüber, kurz vor Ausbildungsstart waren es laut Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit noch 23.359 offene Stellen bei 25.844 Bewerbern.

IAB-Direktor Bernd Fitzenberger zieht daraus eine klare Konsequenz: Um einen weiteren Einbruch am Ausbildungsmarkt zu vermeiden, müssten Jugendliche und Betriebe besser zusammengebracht werden. Das klingt banal, trifft aber den Kern. Wer als Betrieb ausschließlich auf die immer gleichen fünf Wunschkandidaten mit Top-Noten wartet, verpasst die Mehrheit der tatsächlich verfügbaren Bewerber.

Weniger Übernahmen als Alarmsignal

Ein zweiter Trend verschärft die Lage zusätzlich: Auch die Übernahmequote nach der Ausbildung sinkt. Sie fiel 2025 auf 75 Prozent, nachdem sie 2024 mit 79 Prozent noch ein Rekordhoch erreicht hatte. Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang im verarbeitenden Gewerbe, wo die Quote gegenüber 2024 um fünf Prozentpunkte auf 77 Prozent sank. IAB-Forscherin Ute Leber erklärt das mit unsicheren Geschäftserwartungen, die zu größerer Zurückhaltung bei Übernahmen und neuen Ausbildungsverträgen führten, gerade im verarbeitenden Gewerbe.

Die Branchenunterschiede sind erheblich. Während in Bergbau, Energie- und Wasserversorgung sowie im Finanz-, Versicherungs- und öffentlichen Sektor rund 90 Prozent der Azubis übernommen wurden, bilden Land- und Forstwirtschaft mit 44 Prozent und personenbezogene Dienstleistungen mit 52 Prozent das Schlusslicht. Das Baugewerbe meldet parallel mit 49 Prozent die höchste Nichtbesetzungsquote aller Branchen im laufenden Ausbildungsjahr.

Berufswahl im Wandel: Das Handwerk gewinnt Boden

Die aktuelle Berufswahlstatistik des Statistischen Bundesamts zeigt eine bemerkenswerte Verschiebung. Bei den männlichen Auszubildenden bleibt der Kfz-Mechatroniker mit 22.300 Neuverträgen die Nummer eins. Auffällig ist dagegen der Rückgang beim Fachinformatiker: Er fiel von Platz zwei im Jahr 2024 auf Platz vier, mit 2.300 weniger Verträgen. Stattdessen rückten der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit 13.900 Neuverträgen auf Platz zwei vor, gefolgt vom Elektroniker mit 13.800 auf Platz drei. Das klassische Handwerk gewinnt gegenüber der IT-Branche also spürbar an Boden.

Bei den jungen Frauen bleibt die Reihenfolge stabil: Medizinische Fachangestellte führt mit 16.100 Personen vor der Kauffrau für Büromanagement mit 14.900 und der Zahnmedizinischen Fachangestellten mit 13.400. Zum Jahresende 2025 befanden sich deutschlandweit 1.211.800 Personen in einer dualen Ausbildung, ein leichter Rückgang von 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Mehr internationale Azubis gleichen die Lücke teilweise aus

Während die Zahl deutscher Auszubildender um sechs Prozent beziehungsweise 25.600 Personen sank, wuchs die Zahl ausländischer Azubis mit Neuvertrag um 18 Prozent auf 82.400. Besonders stark stieg die Gruppe ukrainischer Staatsangehöriger, plus 64 Prozent auf 9.500, gefolgt von vietnamesischen (plus 36 Prozent), türkischen (plus 48 Prozent) und afghanischen Auszubildenden (plus 47 Prozent). Über zehn Jahre betrachtet hat sich die Zahl der Neuverträge von Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit mehr als verdoppelt, von knapp 38.800 im Jahr 2015 auf 82.400 im Jahr 2025. Für Betriebe, die ihre Bewerbersuche bislang rein national gedacht haben, liegt hier ein Hebel, der noch längst nicht ausgeschöpft ist.

Ausbildungsvergütung steigt schneller als Tariflöhne

Ein Grund, warum Ausbildung als Karriereweg wieder an Boden gewinnt, liegt beim Geld. Nach aktuellen Zahlen des WSI-Tarifarchivs der Hans-Böckler-Stiftung stiegen die tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen über mehr als 20 ausgewertete Branchen hinweg im aktuellen Ausbildungsjahr um 3,9 Prozent, deutlich mehr als die regulären Tariflöhne, für die 2026 ein Plus von rund 3,1 Prozent erwartet wird. Über zehn Jahre betrachtet ist der Unterschied noch größer: Zwischen 2015 und 2025 legten Tariflöhne um 35 Prozent zu, die tariflichen Ausbildungsvergütungen dagegen um 47 Prozent.

WSI-Tarifexperte Thorsten Schulten ordnet das ein: Die Dynamik sei vor allem von Dienstleistungsbranchen mit traditionell niedrigerem Vergütungsniveau getrieben, die auf den wachsenden Fachkräftemangel mit überdurchschnittlichen Steigerungen reagierten. In der Mehrzahl der untersuchten Branchen liegt die Vergütung im ersten Ausbildungsjahr inzwischen über 1.000 Euro monatlich, an der Spitze stehen Pflegeberufe im öffentlichen Dienst mit 1.491 Euro. Ganz anders sieht es allerdings in nicht tarifgebundenen Betrieben aus, in denen fast die Hälfte aller Azubis lernt: Dort orientieren sich viele an der gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung von aktuell 724 Euro im Monat, ein Unterschied, der bei der Konkurrenz um Bewerber zunehmend ins Gewicht fällt.

Was Unternehmen jetzt konkret tun können

Für Personalverantwortliche, die im laufenden Ausbildungsjahr noch Plätze besetzen oder die Suche für 2027 vorbereiten wollen, lohnt sich der Blick auf drei Hebel:

  • Anforderungsprofile entschlacken. Fünf Muss-Kriterien für eine Ausbildungsstelle sind fast immer eines zu viel. Prüfen Sie bei jedem Punkt, ob er wirklich Voraussetzung ist oder eigentlich das Lernziel der Ausbildung selbst.
  • Schnell und verbindlich antworten. Wer Bewerbungen erst nach Wochen beantwortet, verliert Kandidaten an schnellere Betriebe, auch bei Absagen. Eine Rückmeldung innerhalb von 72 Stunden ist im heutigen Bewerbermarkt kein Kür-, sondern ein Pflichtprogramm.
  • International und regional breiter suchen. Die Zahlen zeigen es deutlich: Ein wachsender Teil des Bewerberpotenzials liegt bei internationalen Kandidaten. Wer Sprachförderung und Willkommensstrukturen mitdenkt, erschließt sich einen Markt, den viele Wettbewerber noch nicht bedienen.

Fazit

Der Ausbildungsmarkt 2026 ist kein Nachwuchsproblem im klassischen Sinne, sondern ein Passungsproblem, das sich mit Wunschdenken nicht lösen lässt. Betriebe, die weiterhin auf den perfekten Bewerber mit makellosem Zeugnis warten, werden auch 2027 wieder über unbesetzte Plätze klagen, während nebenan Jugendliche ohne Chance bleiben. Wer stattdessen Anforderungen entrümpelt, schneller reagiert und den Bewerberkreis bewusst erweitert, sichert sich schon jetzt einen Vorsprung im Wettbewerb um den Nachwuchs von morgen. Wenn Sie Ihre Ausbildungsstrategie für das kommende Jahr überprüfen und Ihre Zielgruppenansprache schärfen möchten, unterstützt Sie das Team von Recrutis mit einer unabhängigen Analyse Ihres aktuellen Recruiting-Prozesses.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Ausbildungsmarkt 2026

Wie viele Ausbildungsplätze sind 2026 unbesetzt?

Laut Berufsbildungsbericht blieben zum Ende des Berichtsjahres 2025 rund 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt, eine aktuelle IAB-Erhebung beziffert den betrieblichen Anteil unbesetzter Plätze auf 30 Prozent.

Warum finden Jugendliche trotz freier Plätze keine Ausbildung?

Angebot und Nachfrage passen regional, branchenspezifisch und nach Berufswunsch oft nicht zusammen. Zudem verlangen viele Betriebe formale Kriterien, die über das eigentlich Nötige hinausgehen.

Welche Ausbildungsberufe sind 2026 am gefragtesten?

Bei jungen Männern führt der Kfz-Mechatroniker, gefolgt von Anlagenmechaniker und Elektroniker. Bei jungen Frauen liegen Medizinische Fachangestellte, Kauffrau für Büromanagement und Zahnmedizinische Fachangestellte vorn.

Wie hoch ist die Ausbildungsvergütung 2026?

Tarifgebundene Betriebe zahlen im ersten Jahr meist über 1.000 Euro monatlich, Spitzenreiter sind Pflegeberufe im öffentlichen Dienst mit 1.491 Euro. Ohne Tarifbindung gilt vielfach die gesetzliche Mindestvergütung von 724 Euro.

Steigt die Zahl ausländischer Auszubildender?

Ja, deutlich: 2025 stieg die Zahl ausländischer Azubis mit Neuvertrag um 18 Prozent auf 82.400, mit besonders starkem Wachstum bei ukrainischen, vietnamesischen und afghanischen Staatsangehörigen.

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit, sed do eiusmod tempor incididunt ut labore et dolore magna aliqua. Ut enim ad minim veniam, quis nostrud exercitation ullamco laboris nisi ut aliquip ex ea commodo consequat. Duis aute irure dolor in reprehenderit in voluptate velit esse cillum dolore eu fugiat nulla pariatur.

Quellen

Christina Petrick-Löhr: Ausbildung 2026: Weniger Stellen, doch das Handwerk gewinnt, Personalwirtschaft, 06.08.2026.

  • IAB-Kurzbericht 13/2026, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: doku.iab.de/kurzber/2026/kb2026-13.pdf
  • Statistisches Bundesamt: Berufswahlstatistik 2025/26, Pressemitteilung Nr. 275

    WSI-Tarifarchiv, Hans-Böckler-Stiftung: Ausbildungsvergütungen 2025/26, 31.07.2026.

    Bertelsmann Stiftung: Ausbildungsperspektiven 2026

    ad-hoc-news: Ausbildungsmarkt: Fast jede zweite Lehrstelle bleibt unbesetzt, 30.07.2026.

    Mittelstandsmagazin NRW: NRW: Ausbildungsmarkt 2026 unter Druck – Handwerk hält stand (Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, Stand kurz vor 1.9.2026)

    IT Boltwise: Ausbildungsmarkt NRW: 34.000 Plätze unbesetzt, 47.000 suchen noch, Stand Ende Juli 2026.

    Weitere Artikel

    Das könnte Sie auch interessieren

    NEU AB AUGUST 2026
    HR-Entscheider

    Frühstart-Rente: Was der neue Kabinettsbeschluss für Arbeitgeber und Beschäftigte bedeutet

    Arbeitgeber sollten das Thema weder überhöhen noch ignorieren. Wer es nüchtern erklärt und geschickt mit dem eigenen Vorsorgeangebot verknüpft, verwandelt eine politische Randnotiz in einen glaubwürdigen Beitrag zum finanziellen Wohl der eigenen Belegschaft.

    Anna Berthold
    18.08.2026
    Beitrag lesen
    Ende 2027 verschoben
    Technologie

    AI Act: Frist auf Ende 2027 verschoben

    Die Frist für Recruiting-KI ist auf Ende 2027 verschoben

    Anna Berthold
    28.07.2026
    Beitrag lesen
    HR-Entscheider

    Vier-Tage-Woche: Was Deutschlands Pilotprojekt zwei Jahre später wirklich zeigt

    Für Personalverantwortliche ist das mehr als eine Randnotiz. Es ist eine der wenigen belastbaren Langzeitreihen, die es zur Vier-Tage-Woche in Deutschland überhaupt gibt.

    Anna Berthold
    27.08.2026
    Beitrag lesen
    5 Sterne 27 verifizierte Bewertungen

    Genug gelesen?
    Sprechen wir über Ihre offenen Stellen.

    Kostenlose Potenzialanalyse für Ihren Betrieb — in 30 Minuten wissen Sie, was möglich ist.

    Lächelnder Mann.
    Lächelnder Mann.
    Lächelnder Mann.
    +400 zufriedene Kunden