Neun von zehn Erwerbstätigen in Deutschland sind grundsätzlich offen für einen Jobwechsel, das Bewerbungsinteresse hat sich seit 2023 fast verdoppelt. Trotzdem dauert es heute im Schnitt zehn Wochen, bis eine Stelle besetzt ist, anderthalb Wochen länger als noch im Herbst 2025. Was wie ein Widerspruch klingt, ist laut dem aktuellen Hiring Trends Update von Stepstone der Normalzustand des deutschen Arbeitsmarkts Mitte 2026. Für Personalabteilungen bedeutet das: Mehr Bewerbungen lösen kein einziges Problem, wenn die Passung nicht stimmt.


Die Stepstone-Studie, für die zwischen dem 23. April und 6. Mai 2026 rund 800 Recruiter und 6.114 Kandidaten befragt wurden, beschreibt die aktuelle Lage treffend als Zusammenspiel zweier gegenläufiger Trends. Erstens: Recruiter erhalten mehr Bewerbungen als je zuvor und finden es trotzdem schwieriger, die richtigen Kandidaten einzustellen. Zweitens: Beschäftigte wünschen sich Jobsicherheit über alles und zeigen gleichzeitig eine historisch hohe Wechselbereitschaft von 94 Prozent. Beide Widersprüche lösen sich bei genauerem Hinsehen auf, sie beschreiben aber ein grundlegend anderes Marktumfeld als noch vor zwei Jahren.
Auf der Nachfrageseite der Unternehmen ist der Druck deutlich spürbar. Die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten offenen Stellen sind auf rund 624.000 gesunken, ein Niveau, das zuletzt während des Corona-Einbruchs 2020 zu beobachten war. Im April 2026 waren über drei Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet, 77.000 mehr als im Jahr zuvor. Unternehmen reagieren entsprechend zurückhaltend: 36 Prozent überprüfen aktuell interne Team- und Abteilungsstrukturen, 25 Prozent haben bereits Entlassungen vorgenommen, weitere 25 Prozent haben ihre Recruiting-Aktivitäten verlangsamt, 15 Prozent sogar vollständig gestoppt.
Gleichzeitig hat sich das Bewerbungsinteresse seit 2023 fast verdoppelt. Mehr Kandidaten bewerben sich aktiver als je zuvor, doch an der eigentlichen Passung scheitert es häufig. Gehaltsvorstellungen und Anforderungsprofile klaffen zunehmend auseinander, und genau das treibt die Time-to-Hire auf durchschnittlich zehn Wochen. Das richtige Match zu finden, bleibt die eigentliche Herausforderung, mehr Bewerbungen allein lösen sie nicht.
Neun von zehn Erwerbstätigen sind grundsätzlich bereit, den Job zu wechseln. Das klingt zunächst nach einem Recruiter-Paradies, ist es laut Studie aber nicht. Kandidaten beobachten den Markt aufmerksam und wechseln nur, wenn das Angebot wirklich stimmt. 44 Prozent ziehen inzwischen ein breiteres Spektrum an Rollen in Betracht, 38 Prozent bewerben sich auf mehr Stellen als bisher, 26 Prozent senken aktiv ihre Gehaltserwartungen, und 29 Prozent bauen gezielt neue Kompetenzen auf, um ihre Chancen zu verbessern.
Was Kandidaten von Arbeitgebern erwarten, hat sich dabei deutlich verschoben. Gehalt bleibt mit 59 Prozent der Nennungen der wichtigste Faktor bei der Jobwahl, doch Jobsicherheit mit 32 Prozent und flexible Arbeitsmöglichkeiten mit 30 Prozent holen stark auf. Fast acht von zehn Personen stufen Jobsicherheit inzwischen höher ein als beruflichen Aufstieg. Arbeitsmarkt-Ökonomin Christina Langer von der Stepstone Group bringt das auf den Punkt: Gehalt bleibe die wichtigste Zielgröße bei der Jobwahl, entscheide aber nicht mehr allein. Wer Jobsicherheit, Flexibilität und Work-Life-Balance in der Stellenanzeige nicht explizit anspreche, verliere Kandidaten, die zwischen mehreren Optionen abwägen.
Auch auf Unternehmensseite verändert sich das Selbstverständnis. 52 Prozent der Recruiter geben an, heute eine strategischere Rolle zu spielen als früher, eine Entwicklung, die der Markt regelrecht einfordert. Die Realität sieht bei vielen Unternehmen allerdings noch anders aus: 60 Prozent rekrutieren nach wie vor überwiegend reaktiv, und 57 Prozent glauben, nicht gut auf den Kompetenzbedarf der nächsten zwei Jahre vorbereitet zu sein.
Bemerkenswert ist dabei die Einordnung des KI-Faktors durch Stepstone-Geschäftsführer Jan Neumann: Künstliche Intelligenz werde zwar häufig als Begründung für Entlassungswellen angeführt, sei aber Stand heute oft nicht der tatsächliche Auslöser. Der entscheidende Unterschied liegt für ihn woanders, nämlich zwischen reaktiven Recruiting-Teams, die im Alltag nur Brände löschen, und resilienten Teams, die KI gezielt nutzen, um sich Kapazität für strategische Personalplanung zu schaffen. Wer KI lediglich zur Automatisierung operativer Aufgaben einsetzt, ohne die gewonnene Zeit in vorausschauende Planung zu investieren, verschenkt den eigentlichen Hebel.
Die Stepstone-Studie leitet aus den Daten drei direkt umsetzbare Empfehlungen ab, die sich unmittelbar auf die Passungsprobleme im Markt beziehen.
Erstens: Anforderungsprofile schärfen. 65 Prozent der Kandidaten empfinden, dass Stellenanzeigen heute mehr verlangen als noch vor drei Jahren, was viele potenzielle Bewerber von vornherein abschreckt. Wer klar zwischen wirklich notwendigen Kompetenzen und bloßen Nice-to-haves unterscheidet, reduziert die Time-to-Hire spürbar, weil sich mehr passende Kandidaten überhaupt erst bewerben.
Zweitens: Kommunizieren, was Kandidaten wirklich wollen. Die stärksten Stellenanzeigen sprechen längst nicht mehr nur das Gehalt an. Flexibilität und Work-Life-Balance gehören heute ebenso selbstverständlich in die Anzeige wie die Vergütung, gerade weil Jobsicherheit für viele Kandidaten inzwischen wichtiger ist als der nächste Karriereschritt.
Drittens: Feedback geben, und zwar schnell. 60 Prozent der Kandidaten hören nach der automatischen Eingangsbestätigung nichts mehr von Unternehmen. Schnelle, klare Rückmeldungen zählen zu den günstigsten Recruiting-Werkzeugen überhaupt und werden in einem Markt mit vorsichtigen, aber aktiv vergleichenden Kandidaten zu einem echten Wettbewerbsvorteil.
Für Personalverantwortliche, die die steigende Time-to-Hire umkehren wollen, lohnt sich der Blick auf folgende Hebel:
Das Recruiting-Paradox 2026 zeigt vor allem eines: Volumen ist nicht gleich Qualität. Wer glaubt, mit mehr eingehenden Bewerbungen automatisch schneller einzustellen, irrt, solange Anforderungsprofile und Kandidatenerwartungen nicht zusammenpassen. Die Unternehmen, die jetzt ihre Stellenprofile schärfen, echte Sicherheit und Flexibilität kommunizieren und konsequent schnelles Feedback geben, verschaffen sich in einem Markt, der von Vorsicht auf beiden Seiten geprägt ist, einen klaren Vorteil. Recrutis unterstützt Sie dabei, Ihre Recruiting-Prozesse so auszurichten, dass aus mehr Bewerbungen auch tatsächlich schnellere und bessere Einstellungen werden.
Häufige Fragen zum Recruiting-Paradox 2026
Weil Gehaltsvorstellungen und Anforderungsprofile zunehmend auseinanderklaffen. Mehr Bewerbungen bedeuten nicht automatisch mehr passende Kandidaten, das eigentliche Nadelöhr bleibt die Passung.
Laut dem Stepstone Hiring Trends Update lag sie im Frühjahr 2026 bei durchschnittlich zehn Wochen, anderthalb Wochen mehr als im Herbst 2025.
94 Prozent sind grundsätzlich offen für einen Jobwechsel, wechseln aber vorsichtiger als früher: 38 Prozent bewerben sich auf mehr Stellen, 26 Prozent senken ihre Gehaltserwartungen aktiv.
Gehalt bleibt mit 59 Prozent der wichtigste Faktor, doch Jobsicherheit (32 Prozent) und Flexibilität (30 Prozent) gewinnen deutlich an Bedeutung. Acht von zehn Personen stellen Jobsicherheit über beruflichen Aufstieg.
Laut Einschätzung von Stepstone-Geschäftsführer Jan Neumann wird KI häufig als Begründung angeführt, ist aber oft nicht der eigentliche Auslöser der Entlassungen.
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Camille Delorme: Arbeitsmarkt 2026: Zwischen Druck und Wechselbereitschaft, Stepstone, aktualisiert 15.06.2026 (Hiring Trends Update Frühling/Sommer 2026, Befragung von 800 Recruitern und 6.114 Kandidaten, 23.04.–06.05.2026; Zitate Dr. Christina Langer und Jan Neumann, The Stepstone Group).

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