Ein Bewerber ohne Informatikstudium bekommt die Stelle als Softwareentwickler, weil er in drei Jahren Praxis genau die Datenbanken beherrschen gelernt hat, die das Unternehmen einsetzt. Ein Diplom-Ingenieur mit passendem Abschluss geht dagegen leer aus, weil sein Wissen von 2006 mit der heutigen Praxis wenig gemein hat. Genau diese Verschiebung beschreibt Skill-based Hiring: Recruiting, das zuerst fragt, was jemand kann, und erst danach, was auf dem Papier steht. Für Personalverantwortliche ist das mehr als ein Trendwort, es verändert, wie Stellen ausgeschrieben und besetzt werden.


Skill-based Hiring setzt nicht am Beruf an, sondern an der konkreten Aufgabe und den dafür nötigen Fähigkeiten. Die Logik dahinter: Ein Ausbildungsabschluss oder ein Studium sagt heute wenig darüber aus, ob jemand eine Stelle ausfüllen kann, denn die Halbwertszeit beruflich relevanten Wissens sinkt kontinuierlich. Viele Beschäftigte üben Tätigkeiten aus, die kaum noch dem entsprechen, wofür sie ursprünglich ausgebildet wurden, oder arbeiten in Berufen, die es vor zehn Jahren schlicht noch nicht gab.
Der Bundesverband für Employer Branding, Personalmarketing und Recruiting (Queb) unterscheidet in einem aktuellen Whitepaper zwei Rekrutierungslogiken, die sich kombinieren lassen: Die skillsorientierte Logik sucht Menschen, die das nötige Können bereits mitbringen. Die potenzialorientierte Logik sucht Menschen, die es sich unter den Bedingungen der Organisation aneignen können und wollen. Skill-based Hiring blickt damit sowohl auf das abrufbare als auch auf das entwickelbare Können einer Person, nicht allein auf den Titel unter dem Zeugnis.
Wie groß der Anspruch bereits ist, zeigt die Studie "Hiring Trends Update" von Stepstone aus dem Herbst 2025, für die 1.057 Recruiterinnen und Recruiter sowie 6.857 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland befragt wurden: 77 Prozent der Unternehmen wollen künftig stärker nach tatsächlichen Fähigkeiten statt nach formalen Abschlüssen beurteilen. Die Praxis hinkt diesem Anspruch aber deutlich hinterher. 43 Prozent der Unternehmen verlangen weiterhin formale Nachweise, nur 17 Prozent verzichten bei bestimmten Stellen komplett darauf.
Besonders deutlich ist der Wandel in der IT-Branche, wo bereits 38 Prozent der befragten Unternehmen bei bestimmten Positionen ganz auf formale Nachweise verzichten. In Bereichen wie Bauwesen (zehn Prozent) oder Bildung (elf Prozent) fällt dieser Anteil dagegen deutlich geringer aus, was zeigt, dass der Ansatz nicht überall gleich gut passt. Auf Beschäftigtenseite besteht durchaus Bedarf: 44 Prozent der Befragten sind unzufrieden damit, wie sie ihre Fähigkeiten im Job einsetzen können, 38 Prozent geben sogar an, dass ihre Aufgaben überhaupt nicht zu ihren Stärken passen.
Stephanie Krüger, Head of Talent Acquisition beim Personaldienstleister HRtbeat, bringt den Unterschied zwischen beiden Ansätzen auf den Punkt: Abschlüsse dokumentierten vergangene Qualifikationen, Skills zeigten dagegen die aktuelle und zukünftige Leistungsfähigkeit einer Person. Diese Verschiebung ist keine akademische Spitzfindigkeit, sondern hat einen belastbaren Hintergrund: Prognosen zufolge werden sich bis 2030 rund 39 Prozent der Kernkompetenzen von Beschäftigten verändern. Wer heute allein auf einen Abschluss von vor fünf oder zehn Jahren schaut, bewertet damit häufig ein Wissen, das für die konkrete Stelle längst überholt ist.
Krüger empfiehlt Unternehmen deshalb, konsequent bei der Frage anzusetzen, was eine Person können soll, statt danach zu fragen, was sie formal mitbringen muss. Formale Anforderungen gehören ihrer Ansicht nach nur dort in eine Stellenanzeige, wo sie für die Tätigkeit zwingend nötig sind, etwa aus gesetzlichen Gründen.
Skill-based Hiring ist kein Allheilmittel für jede Stelle. Ausnahmen bilden reglementierte oder sicherheitskritische Tätigkeiten mit gesetzlich vorgeschriebenen Nachweisen, etwa im Gesundheits- und Rechtswesen, in Architektur- und Ingenieurberufen oder im Qualitätsmanagement. Am stärksten eignet sich der Ansatz laut Krüger für IT- und Tech-Rollen mit schnellem Technologiewandel, für digitale, analytische und projektbasierte Funktionen sowie für Positionen mit starkem Praxisbezug, bei denen nachweisbare Anwendungserfahrung mehr zählt als der formale Bildungsweg.
Ihre Einschätzung ist dabei unmissverständlich: Ein Abschlussfokus mache immer dann keinen Sinn mehr, wenn es Berufe mit hoher Quereinstiegsquote betrifft oder sich Anforderungen so schnell ändern, dass formale Abschlüsse die aktuellen Kompetenzen nicht mehr abbilden.
Bei Infineon Technologies stehen Fertigkeiten, Wissen und Potenziale im Zentrum der Personalauswahl. Ausgangspunkt ist dabei stets die konkrete Tätigkeit. Nick Fleischer, Global Head of Recruiting und Executive Recruiting, beschreibt den Ansatz so: Es gehe im Gespräch mit den Fachbereichen nicht um Schlagworte, sondern darum, welches Wissen und welche Fertigkeiten tatsächlich gebraucht würden. Aus diesen Gesprächen entsteht schrittweise eine unternehmensweite Skills-Landschaft, unterstützt durch ein KI-basiertes System, das Skills aus Stellenausschreibungen und Bewerberprofilen analysiert.
Fleischer warnt allerdings vor Übertreibung: Es gehe nicht darum, eine allumfassende, jahrelang gepflegte Ontologie mit tausenden Skills aufzubauen, die am Ende ohnehin veraltet sei. Auch bei Infineon bleiben deshalb weiterhin viele Führungskräfte an klassischen Anforderungen wie einem bestimmten Studienabschluss interessiert, selbst wenn ein Kandidat mit anderem Hintergrund und besserer Praxiserfahrung objektiv besser passen würde. Genau hier sieht Fleischer eine zentrale Aufgabe des Recruitings: Führungskräfte zu beraten und für kompetenzbasierte Ausschreibungen zu gewinnen.
Für Unternehmen, die noch am Anfang stehen, empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen statt eines kompletten Systemwechsels über Nacht:
Skill-based Hiring ist in Deutschland noch lange nicht Standard, aber die Richtung ist klar erkennbar. Wer weiterhin ausschließlich nach Abschlüssen sortiert, verkleinert seinen Talentpool freiwillig, gerade in einem Arbeitsmarkt, in dem Fachkräfte ohnehin knapp sind. Der Wechsel zu kompetenzbasierten Anforderungsprofilen ist kein Selbstläufer und verlangt enge Abstimmung zwischen Fachbereich, Recruiting und Personalentwicklung. Unternehmen, die diesen Weg konsequent gehen, gewinnen aber einen echten Wettbewerbsvorteil im Kampf um Talente. Recrutis unterstützt Sie dabei, Ihre Anforderungsprofile zu überprüfen und Stellenausschreibungen so zu gestalten, dass sie den tatsächlich verfügbaren Bewerbermarkt erreichen.
Häufige Fragen zu Skills-based Hiring
Klassisches Recruiting filtert zuerst nach Abschluss und Berufserfahrung. Skill-based Hiring fragt zuerst, welche konkreten Fähigkeiten eine Stelle erfordert, und bezieht auch entwickelbares Potenzial mit ein.
Besonders gut funktioniert der Ansatz bei IT- und Tech-Rollen, digitalen und projektbasierten Funktionen sowie praxisnahen Tätigkeiten mit hohem Quereinstiegspotenzial.
Bei reglementierten oder sicherheitskritischen Berufen mit gesetzlich vorgeschriebenen Qualifikationsnachweisen, etwa im Gesundheitswesen, im Rechtswesen oder bei bestimmten Ingenieurtätigkeiten, bleibt der formale Abschluss unverzichtbar.
Nein. Im Mittelstand erfolgt die Umsetzung meist pragmatisch und schrittweise, etwa durch angepasste Stellenanzeigen oder pilotierte Auswahlverfahren, ohne dass gleich ein komplettes Skills-Framework nötig wäre.
Beschreiben Sie konkrete, überprüfbare Fähigkeiten statt Abschlüsse und trennen Sie klar zwischen Must-have-Skills und Kompetenzen, die sich im Job erlernen lassen.
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Daniela Furkel: Wie Skill-basiertes Recruiting gelingt, Haufe / Personalmagazin 4/2026, 10.03.2026.
Stepstone: Hiring Trends Update – Arbeitsmarkt 2026: Zwischen Druck und Wechselbereitschaft, Befragung von 1.057 Recruiter:innen und 6.857 Beschäftigten, Herbst 2025.
Queb – Bundesverband für Employer Branding, Personalmarketing und Recruiting e.V.: Whitepaper Skills-based Hiring #07, Oktober 2025.
Arbeitsagentur / Faktor A: Skill-based Hiring vs. Degree-based Hiring, Matthias Haft, 02.06.2026.

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