Mit Tarifvertrag bekommen 77 Prozent der Beschäftigten Weihnachtsgeld, ohne nur 41 Prozent. Dazwischen liegen im Extremfall 250 und 4.235 Euro, je nachdem, ob jemand in der bayerischen Landwirtschaft oder in der chemischen Industrie in Nordrhein arbeitet. Die gute Nachricht: Wo das Weihnachtsgeld im Tarifvertrag steht, ist es kein Gnadenakt, sondern ein einklagbarer Anspruch. Und auch ohne Tarif gibt es Wege dorthin, die sich kennen lohnt.


Die jüngste Auswertung stammt vom 5. November 2025 und kommt vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Sie beruht auf einer Online-Umfrage des Portals Lohnspiegel.de unter 58.119 Beschäftigten mit mehr als einem Jahr Berufserfahrung. Danach bekommen 51 Prozent aller Beschäftigten Weihnachtsgeld, meist schon im November. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, das WSI weist selbst darauf hin, sie erlaubt aber wegen der hohen Fallzahl detaillierte Einblicke. Ein aktualisierter bundesweiter Wert für 2026 lag nach Berichten von Mitte September noch nicht vor, das WSI hat die Zahlen im Vorjahr Anfang November veröffentlicht.
Der größte Einflussfaktor ist die Tarifbindung: 77 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit Tarifvertrag erhalten Weihnachtsgeld, ohne Tarifvertrag sind es 41 Prozent. Kleinere Unterschiede gibt es zwischen Männern (54 Prozent) und Frauen (48 Prozent), zwischen West- (53 Prozent) und Ostdeutschland (41 Prozent), zwischen unbefristet (52 Prozent) und befristet Beschäftigten (48 Prozent) sowie zwischen Vollzeit (53 Prozent) und Teilzeit (46 Prozent). Das Statistische Bundesamt kam in einer früheren Auswertung sogar auf gut 85 Prozent der Tarifbeschäftigten. Der Unterschied erklärt sich durch die Methode: Das WSI fragt Beschäftigte direkt, das Bundesamt wertet Tarifverträge aus und rechnet alle Sonderzahlungen im November und Dezember hoch.
WSI-Gehaltsexperte Malte Lübker betont, auch die Grundgehälter seien mit Tarifvertrag in der Regel höher, das Weihnachtsgeld sei ein echtes Extra, das nicht an anderer Stelle abgezwackt werde. Nach IAB-Berechnungen arbeiteten 2024 nur noch 49 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben, im Jahr 2000 waren es 68 Prozent.
Die Spanne ist groß. Nach dem WSI-Tarifarchiv, das 23 größere Branchen auswertet, reicht das tarifliche Weihnachtsgeld bei mittleren Entgeltgruppen in der Endstufe von 250 Euro in der Landwirtschaft Bayern bis zu 4.235 Euro in der Chemischen Industrie Nordrhein. Hohe Beträge zahlen auch die Energieversorgung in Nordrhein-Westfalen (4.113 Euro), die Süßwarenindustrie in Baden-Württemberg (3.900 Euro), die Textilindustrie in Westfalen und Osnabrück (3.751 Euro), das Private Bankgewerbe (3.719 Euro) und die Deutsche Bahn (3.399 Euro).
In den meisten Branchen ist das Weihnachtsgeld ein Prozentsatz des Monatsentgelts. Ein klassisches 13. Monatsentgelt von 100 Prozent gibt es etwa in der Chemischen Industrie, im Privaten Bankgewerbe, in der Süßwarenindustrie und bei der Deutschen Bahn. Die Eisen- und Stahlindustrie zahlt 110 Prozent, wobei Weihnachts- und Urlaubsgeld zusammengelegt sind. Im öffentlichen Dienst ersetzt eine Jahressonderzahlung das frühere Weihnachts- und Urlaubsgeld, bei den kommunalen Arbeitgebern liegt sie je nach Vergütungsgruppe zwischen 52 und 85 Prozent des Monatsentgelts. Ausnahmen bleiben selten: Kein Weihnachtsgeld gibt es im Gebäudereinigungshandwerk und in der Floristik.
Wo für 2025 höhere Tarifentgelte vereinbart wurden, stieg auch das Weihnachtsgeld, im Gastgewerbe Bayern um 9,6 Prozent, bei der Deutschen Bahn um 9,0 Prozent, in der Süßwarenindustrie in Baden-Württemberg um 7,6 Prozent. Dazu kommen Unterschiede zwischen Ost und West, die in einigen Branchen mehrere hundert Euro, im Bauhauptgewerbe über tausend Euro betragen.
Einen gesetzlichen Anspruch auf Weihnachtsgeld gibt es nicht. Er kann sich aber aus dem Tarifvertrag, dem Arbeitsvertrag oder einer Betriebsvereinbarung ergeben, außerdem aus betrieblicher Übung oder dem Gleichbehandlungsgrundsatz. Betriebliche Übung entsteht nach der Rechtsprechung, wenn der Arbeitgeber mindestens drei Jahre in Folge vorbehaltlos Weihnachtsgeld gezahlt hat, dann besteht der Anspruch auch im Folgejahr, selbst wenn die Lage des Betriebs schlechter wird.
Dagegen kann sich der Arbeitgeber mit einem Freiwilligkeitsvorbehalt schützen, der aber klar formuliert sein muss. Das Bundesarbeitsgericht erklärte am 25. Januar 2023 (Az. 10 AZR 116/22) einen vertraglichen Freiwilligkeitsvorbehalt für unwirksam, weil er so auslegbar war, dass er auch spätere Einzelabreden erfasst. Der Vermerk "freiwillig" auf der Lohnabrechnung allein genügt nicht. Ein wirksamer Vorbehalt sollte nach der Einschätzung von Haufe bei jeder einzelnen Zahlung neu erklärt werden.
Auch Gleichbehandlung zählt: Zahlt ein Betrieb Vollzeitkräften Weihnachtsgeld, haben Teilzeitkräfte und geringfügig Beschäftigte Anspruch auf einen anteiligen Betrag, Azubis dürfen nicht pauschal ausgenommen werden, und auch kranke Beschäftigte haben grundsätzlich Anspruch.
Wer vor dem Jahresende wechselt, sollte die Klauseln im Vertrag kennen. Bei einer Stichtagsklausel entfällt der Anspruch, wenn das Arbeitsverhältnis vor einem bestimmten Tag endet. Nach der Handwerkszeitung geht das nicht bei Sonderzahlungen, die geleistete Arbeit vergüten, dort besteht ein zeitanteiliger Anspruch. Eine Rückzahlungsklausel muss ausdrücklich vereinbart und klar formuliert sein. Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts darf die Bindung bei einem Weihnachtsgeld von mehr als 100 Euro bis zur Höhe eines Monatsgehalts bis zum 31. März dauern, bei höheren Beträgen bis zum 30. Juni, so fasst es die Kanzlei Pöppel zusammen. Im Einzelfall sollten Sie das prüfen lassen.
Hier beginnt die Einschätzung, die Quellen belegen sie nicht. Weihnachtsgeld ist für Betriebe ein flexibleres Instrument als eine Gehaltserhöhung, weil es einmalig fließt und sich an die Ertragslage anpassen lässt, solange keine betriebliche Übung entstanden ist. Wer dieses Instrument bewusst nutzen will, sollte die Rechtsgrundlage kennen, denn nach drei vorbehaltlosen Zahlungen ist die Flexibilität weg. Im Wettbewerb um Fachkräfte hat der Bonus außerdem eine Signalwirkung: Wenn nur gut die Hälfte der Beschäftigten Weihnachtsgeld erhält, ist ein verlässlicher Betrag ein sichtbares Argument im Bewerbergespräch.
Weihnachtsgeld ist weniger ein Geschenk als eine Frage des Rechts: Wer einen Tarifvertrag hat, hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit, wer keinen hat, muss auf Vertrag, Übung oder Gleichbehandlung bauen. Die gute Nachricht ist, dass sich viele Beschäftigte darauf verlassen können und dass die Beträge in einigen Branchen deutlich steigen. Für Arbeitgeber ist es eine Chance, sich in einem engen Markt als verlässlicher Arbeitgeber zu zeigen, wenn sie die Rechtsgrundlage sauber regeln. Recrutis unterstützt Sie dabei, Ihr Vergütungspaket im Wettbewerb um Fachkräfte so aufzustellen, dass es fair und rechtssicher ist.
Häufige Fragen zum Weihnachtsgeld 2026
Einen gesetzlichen Anspruch gibt es nicht. Er kann sich aus Tarifvertrag, Arbeitsvertrag, Betriebsvereinbarung, betrieblicher Übung oder Gleichbehandlung ergeben.
Nach der WSI-Auswertung vom November 2025 sind es 51 Prozent, mit Tarifvertrag 77 Prozent, ohne 41 Prozent.
Das hängt von der Branche ab: von 250 Euro in der Landwirtschaft Bayern bis zu 4.235 Euro in der Chemischen Industrie Nordrhein, in vielen Tarifbranchen ein halbes bis ein volles Monatsgehalt.
Das hängt von Stichtags- und Rückzahlungsklauseln ab. Ohne wirksame Klausel kann der Anspruch bestehen bleiben.
Ja, wenn der Betrieb Weihnachtsgeld zahlt, in der Regel anteilig.
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Hans-Böckler-Stiftung / WSI: Aktuelle Auswertung des WSI-Tarifarchivs: 51 Prozent aller Beschäftigten bekommen Weihnachtsgeld, mit Tarifvertrag 77 Prozent, Pressemitteilung vom 05.11.2025.
Tim Eichler: Weihnachtsgeld 2026, Münster Aktuell, 15.09.2026.
Haufe: Weihnachtsgeld: Wer hat Anspruch? (BAG, Urteil vom 25.01.2023, 10 AZR 116/22, Freiwilligkeitsvorbehalt).
Deutsche Handwerks Zeitung: Weihnachtsgeld: Das sollten Sie als Arbeitgeber wissen (betriebliche Übung, Teilzeit, Stichtagsklauseln).
Kanzlei Pöppel: Weihnachtsgeld im Arbeitsrecht (Rechtsgrundlagen, Rückzahlungsfristen).
karrierebibel.de: Weihnachtsgeld 2026: Anspruch, Höhe, Kündigung (Teilzeit, Azubis).
Techniker Krankenkasse: Wer hat Anspruch auf Weihnachtsgeld? (Freiwilligkeitsvorbehalt, Rückzahlung).

Deutschlands Tarifbindung sinkt weiter und die EU erhöht den Druck. Was bedeutet das für Arbeitgeber, Löhne und den Wettbewerb um Fachkräfte?

Mehr Gehalt auf dem Papier, aber kaum mehr Geld im Portemonnaie. Für 2027 planen Unternehmen durchschnittlich 3,2 Prozent Gehaltserhöhung, doch die tatsächlichen Chancen hängen vor allem von der eigenen Leistung, der Branche und dem Verhandlungsgeschick ab.

Nur in rund jedem fünften größeren Betrieb in Deutschland liegt die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in Vollzeit bei höchstens 5 Prozent.
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