Auf zehn Einstiegsstellen in der Softwareentwicklung, die 2019 ausgeschrieben waren, kommen heute noch drei. Über alle Branchen liegt das Angebot an Einstiegsjobs im Juli 2026 um 46 Prozent unter dem Niveau von 2019, gegenüber dem Höchststand von 2022 sind es mehr als zwei Drittel weniger. Naheliegend ist der Verdacht, dass künstliche Intelligenz die Jobs frisst, die früher Absolventen bekamen. Die Daten sprechen jedoch für eine unbequemere Erklärung.


Das Indeed Hiring Lab hat am 23. September 2026 Stellenanzeigen aus Deutschland von 2019 bis Juli 2026 ausgewertet. Als Einstiegsjob zählt dabei eine Anzeige, deren Titel Begriffe wie Junior, Trainee, Berufseinstieg, Absolvent, Graduate oder Young Professional enthält. Im Juli 2022 lag das Angebot noch bis zu 75 Prozent über dem Durchschnitt von 2019, heute liegt es 46 Prozent darunter. Das Gesamtangebot an Stellen sank seit 2022 laut dpa um 39 Prozent, die Einstiegsjobs fielen also deutlich stärker.
Der Rückgang zieht sich durch fast alle Bereiche: In 26 von 28 Berufsgruppen gibt es weniger Einstiegsangebote. Am stärksten trifft es Wissensberufe. Im Marketing sind es 75 Prozent weniger Einstiegsjobs, bei IT-Anwendungen und -Lösungen 77 Prozent, im Projektmanagement 60 Prozent. Nur zwei Gruppen legten zu: Pflege, Medizin und Pharmazie mit plus 18 Prozent sowie Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie mit plus zehn Prozent. Auch Praktika und Werkstudierendenstellen liegen 24 Prozent unter dem Niveau von 2019.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Auswertung bezieht sich nur auf Anzeigen auf Indeed, und sie erfasst nur Stellen, die im Titel als Einstieg gekennzeichnet sind. Stellenanzeigen sind ein Frühindikator und keine Beschäftigungsstatistik.
Auf den ersten Blick stützen die Zahlen den KI-Verdacht. In Berufsgruppen, in denen KI mehr als 60 Prozent der Tätigkeiten übernehmen oder unterstützen kann, wurden im Juli 2026 nur noch etwa halb so viele Einstiegsjobs ausgeschrieben wie 2019. Berufe mit einem KI-Potenzial unter 40 Prozent liegen dagegen auf oder über dem Niveau von 2019.
Doch die beiden Kurven liefen schon im Frühjahr 2022 auseinander, bevor ChatGPT im November 2022 erschien. Die Indeed-Ökonomin Virginia Sondergeld sieht Berufseinsteiger deshalb zunächst als "erstes Opfer der schwachen Konjunktur", weil Unternehmen in unsicheren Zeiten zuerst beim Nachwuchs sparen. Einen KI-Effekt hält sie für Deutschland bislang nicht für belegbar.
Dazu passt, was die Bundesregierung im Januar 2026 auf eine Kleine Anfrage antwortete. Für die USA zeigt die Studie von Brynjolfsson und Kollegen aus 2025, dass die Beschäftigung 22- bis 25-Jähriger in KI-exponierten Berufen um etwa 20 Prozent gesunken ist. Eine erste Replikation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für Deutschland findet laut Bundesregierung keine ausgeprägten Rückgänge seit dem Aufkommen von ChatGPT, weder bei Jüngeren noch in stärker KI-exponierten Berufen. Das Stellenangebot sinke in fast allen Wirtschaftsbereichen, besonders bei unternehmensnahen Dienstleistungen, im Handel und in Information und Kommunikation.
Ob die KI morgen die Lage verschärft, ist damit nicht ausgeschlossen. Hans Rusinek von der Universität St. Gallen weist darauf hin, dass manche Routineaufgaben technisch automatisierbar sind, Einsteigern aber Erfahrungswissen vermitteln. Mein Eindruck, und das ist eine Einschätzung und kein Beleg: Die Konjunktur hat den Rückgang ausgelöst, die KI könnte ihn für bestimmte Aufgaben verfestigen.
Während Einstiegsjobs einbrachen, blieb das Ausbildungsangebot stabil. In der Saison von August 2025 bis Juli 2026 waren im Schnitt 50 Prozent mehr Ausbildungsplätze ausgeschrieben als 2019, das duale Studium eingerechnet. Seit 2023/24 ist das Angebot leicht gesunken, liegt aber weiter über dem Gesamtmarkt.
Ein Grund ist die Zusammensetzung. Nur 15 Prozent der Ausbildungsstellen haben ein hohes KI-Transformationspotenzial von über 60 Prozent, bei den Einstiegsstellen sind es 42 Prozent. Ein niedriges Potenzial unter 40 Prozent haben 37 Prozent der Ausbildungsplätze, aber nur neun Prozent der Einstiegsjobs. Erklärt ist damit nicht alles: In 20 von 23 vergleichbaren Berufsgruppen schnitt die Ausbildung besser ab als der Einstiegsjob. Indeed vermutet auch ein Kalkül der Arbeitgeber, denn in unsicheren Zeiten sei es risikoärmer, junge Leute zu niedrigen Löhnen selbst zu qualifizieren, als Hochschulabsolventen zu höheren Gehältern einzustellen.
Für den Start ins Berufsleben zahlt sich das aus. Die Übernahmequote nach der dualen Ausbildung erreichte 2024 laut IAB-Betriebspanel mit 79 Prozent einen Rekord. Die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen stieg nach Eurostat zwar von 5,9 Prozent im Jahr 2023 auf 7,1 Prozent im Jahr 2025, liegt damit aber weit unter dem EU-Schnitt von 15,2 Prozent.
Die Datenlage zu Absolventen ist dünner, als man denkt. Die Bundesregierung räumt in ihrer Antwort ein, dass ihr keine Zahlen dazu vorliegen, wie viele Bewerbungen Absolventen schreiben müssen oder wie stark Einstiegsstellen weggefallen sind. Sie weist außerdem darauf hin, dass viele Hochschulabsolventen nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen, weil sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, und dass junge Menschen bei schlechter Lage häufiger weiterstudieren.
Zumindest einige Zahlen gibt es. Im Jahr 2025 dauerte die Arbeitslosigkeit bei Abgang in Beschäftigung im Schnitt 151 Tage, rund fünf Monate, und damit so lange wie 2015. Bei jungen Menschen mit Berufsausbildung und bei Akademikern unter 35 lag die Dauer sechs Tage über dem Wert von 2015, bei jeweils niedrigerem Niveau. Gestiegen ist die Arbeitslosigkeit besonders bei unter 30-Jährigen mit Ziel Ingenieurwesen und Informatik. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) des IW Köln stellt zudem fest, dass gerade junge Akademiker zuletzt vermehrt Schwierigkeiten hatten, eine Stelle zu finden.
Die Debatte, ob KI oder Konjunktur den Berufseinstieg erschwert, lenkt von einer praktischen Frage ab: Wie kommen junge Menschen jetzt an die erste Stelle? Wer das Problem allein auf KI schiebt, wartet auf eine Technologie, statt die Suche anzupassen. Wer es allein der Konjunktur zuschreibt, hofft auf eine Erholung, die sich bislang nicht abzeichnet. Berufseinsteiger fahren am besten, wenn sie breiter suchen, Brücken in den Betrieb bauen und ihre Fähigkeiten statt ihrer Titel zeigen. Recrutis unterstützt Sie dabei, passende Einstiegschancen zu finden und Ihr Profil für Arbeitgeber zu schärfen, die tatsächlich Nachwuchs suchen.
Häufige Fragen zu Einstiegsjobs 2026
Laut Indeed Hiring Lab um mehr als zwei Drittel seit dem Höchststand im Juli 2022. Im Juli 2026 lag das Angebot 46 Prozent unter dem Niveau von 2019.
Nach heutiger Datenlage nicht allein. Der Rückgang begann im Frühjahr 2022, vor ChatGPT, und das IAB findet für Deutschland keine ausgeprägten Beschäftigungsrückgänge bei Jüngeren. Die schwache Konjunktur gilt als Hauptursache.
Zugelegt haben Pflege, Medizin und Pharmazie (plus 18 Prozent) sowie Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie (plus zehn Prozent). Am stärksten eingebrochen sind IT-Anwendungen, Marketing und Projektmanagement.
Der Ausbildungsmarkt ist aktuell aufnahmefähiger: Das Angebot liegt rund 50 Prozent über 2019, die Übernahmequote erreichte 2024 79 Prozent. Garantien gibt es nicht, und Anzeigen sind nur ein Frühindikator.
Nach Eurostat lag die Quote der 15- bis 24-Jährigen 2025 bei 7,1 Prozent, der EU-Durchschnitt bei 15,2 Prozent.
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Sven Frost: Einstiegsjobs brechen ein, und KI ist nicht die Hauptursache, Personalwirtschaft, 23.09.2026.
dpa: Stellenangebot für Berufseinsteiger sinkt rasant, 23.09.2026.
ZDFheute: Studie: Wieder weniger Stellenangebote für Berufsanfänger, 23.09.2026.
Selina Beck: Rückgang um mehr als zwei Drittel bei Einstiegsjobs: Berufsstart wird schwerer, Human Resources, 02.10.2026.
Indeed Hiring Lab (Virginia Sondergeld): "Berufseinstieg: Stellenangebot sinkt, Ausbildungssystem bietet einen Anker", 23.09.2026.
Bundesregierung: Antwort auf die Kleine Anfrage "Berufseinstieg vor dem Hintergrund von künstlicher Intelligenz und konjunktureller Schwäche", Drucksache 21/3722, 19.01.2026.
Philip Herzer, Gero Kunath: KOFA Kompakt 5/2026: Fachkräftereport März 2026, IW Köln, Mai 2026.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden im vergangenen Jahr 461.900 neue duale Ausbildungsverträge abgeschlossen, ein Rückgang von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ein Ausbildungsabschluss oder ein Studium sagt heute wenig darüber aus, ob jemand eine Stelle ausfüllen kann, denn die Halbwertszeit beruflich relevanten Wissens sinkt kontinuierlich.

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