Eine Krankschreibung wegen einer psychischen Erkrankung dauert im Schnitt 28,5 Tage, bei einer Atemwegserkrankung sind es 5,7. Die Krankenstände sinken seit dem Höchststand von 2022 leicht, doch die Psyche zieht die Statistik nach oben: Die Fehlzeiten dieser Diagnosegruppe sind in zehn Jahren um knapp 42 Prozent gestiegen. Das zeigt der Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der am 8. Oktober vorgestellt wurde. Für Personalabteilungen ist er eine gute Gelegenheit, den Blick von der Häufigkeit auf die Dauer zu richten.


Über alle Erkrankungen hinweg verzeichnete die AOK 2025 im Schnitt 23,3 Arbeitsunfähigkeitstage je Mitglied. Das liegt leicht unter dem Spitzenwert von 2022 (24,5 Tage) und unter den Jahren 2023 und 2024 (jeweils 23,9 Tage), aber deutlich über dem Niveau vor der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die erfassten Fehltage unter dem Wert des ersten Halbjahres 2025, das WIdO rechnet daher für das laufende Jahr mit einem weiter sinkenden Krankenstand. WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder erklärt das hohe Niveau mit mehreren Faktoren: Die eAU habe zu einer vollständigeren Erfassung geführt, dazu kämen der Anstieg der Atemwegserkrankungen seit der Pandemie und das stetige Plus bei psychischen Erkrankungen.
Bei den psychischen Erkrankungen zeigt der Report ein anderes Bild. Die Fehlzeiten stiegen von 284 Arbeitsunfähigkeitstagen je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 im Jahr 2025, ein Plus von knapp 42 Prozent. Überdurchschnittlich wuchsen die Burnout-Diagnosen: von 11,0 auf 19,5 Tage je 100 Mitglieder, ein Anstieg um 77 Prozent.
Die Zahl der Fälle ist gar nicht das Problem. Psychische Erkrankungen verursachten 2025 durchschnittlich 14,1 Krankschreibungen je 100 Mitglieder, Atemwegserkrankungen dagegen 80,3. Entscheidend ist die Dauer: Mit 28,5 Tagen je Fall führen die psychischen Diagnosen die Statistik an, die Atemwegserkrankungen kommen auf 5,7. Die längsten Ausfälle entfielen auf Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, gefolgt von depressiven Episoden und wiederkehrenden depressiven Störungen.
Die Folgen reichen bis in die Kassen. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für das Krankengeld lagen 2025 nach vorläufigen Daten bei 21,6 Milliarden Euro, vor zehn Jahren waren es 11,2 Milliarden Euro. Die Zahl der Krankengeldfälle wegen psychischer Erkrankungen stieg zwischen 2021 und 2025 um knapp 25 Prozent, während sie bei somatischen Erkrankungen insgesamt rückläufig war. Die Ausgaben wuchsen bei psychischen Erkrankungen um 54 Prozent, bei somatischen um 27 Prozent. AOK-Vorstandschefin Carola Reimann führt das auf die überdurchschnittlich langen Falldauern zurück.
Die Unterschiede zwischen den Berufsgruppen sind groß. 2025 lagen Berufe im Dialogmarketing mit 39,0 Fällen je 100 Mitglieder vorn, gefolgt von der Haus- und Familienpflege (25,6), der Altenpflege (24,9), der Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6) und der Kinderbetreuung und -erziehung (23,0). Die Leipziger Arbeitsmedizinerin Steffi Riedel-Heller verweist auf mehrere psychosoziale Belastungsfaktoren: hohe emotionale Anforderungen, Verantwortung für andere Menschen und ein hohes Arbeitspensum bei begrenzter Kontrolle über Abläufe und oft unzureichender sozialer Unterstützung.
Ein Teil des Reports geht der Frage nach, wie wirtschaftliche Unsicherheit auf die Beschäftigten wirkt. In einer telefonischen Befragung im Frühjahr 2026 sagten 51,9 Prozent, sie machten sich viele bis sehr viele Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung. Zwar gab nur ein sehr kleiner Teil an, Angst vor baldiger Arbeitslosigkeit zu haben, doch 8,4 Prozent waren in den vergangenen fünf Jahren selbst von Arbeitslosigkeit oder Kündigung betroffen, 15,4 Prozent mittelbar über Angehörige. Knapp die Hälfte (45,2 Prozent) erlebte Umstrukturierungen, 26,9 Prozent finanzielle Probleme der eigenen Organisation. Nur 6,5 Prozent mussten einen beruflichen Abstieg oder schwere berufliche Misserfolge verkraften.
Mehr Sorgen gingen mit mehr arbeitsbedingten psychischen Beeinträchtigungen einher, am stärksten bei Ängsten, Niedergeschlagenheit und Schlafstörungen, in der Pressemitteilung auch bei Wut und Erschöpfung. Ein hoher Stellenwert des Arbeitsplatzerhalts im Unternehmen ging dagegen mit weniger Angst vor Arbeitslosigkeit und weniger wirtschaftlichen Sorgen einher. Und fast drei Viertel der Befragten (72,9 Prozent) sagten, ihr Arbeitgeber biete Fort- und Weiterbildung, die die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Schröder erwartet bei zunehmend angespannter Lage, dass sich Sorgen und Belastungen verstärken und das langfristig auch die Fehlzeiten treiben könnte.
Riedel-Heller mahnt zur Vorsicht bei der Deutung. Steigende psychisch bedingte Fehlzeiten bedeuteten nicht automatisch, dass psychische Erkrankungen in der Bevölkerung im gleichen Umfang zugenommen haben. Heute würden sie besser erkannt, offener angesprochen und häufiger behandelt, gleichzeitig gebe es Hinweise auf reale Zunahmen bei Belastungen, besonders bei jüngeren Menschen. Zudem beruhen die Zahlen auf Daten von 14,9 Millionen erwerbstätigen AOK-Versicherten, sie bilden also einen großen, aber nicht den gesamten Arbeitsmarkt ab.
Arbeit sei nicht nur Risiko, sondern auch Ressource, sagt die Expertin: Gute Arbeit biete Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur und Selbstwirksamkeit. Die Verantwortung dürfe nicht allein beim einzelnen Beschäftigten abgeladen werden, entscheidend sei die Gestaltung der Arbeitsbedingungen.
Hier beginnt die Einschätzung, die Quellen nehmen dazu keine Stellung. Die politisch diskutierte Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zielt auf kurze Erkrankungen. Der Report zeigt aber, dass die Fehlzeiten vor allem durch lange Ausfälle wachsen: 28,5 Tage je psychischer Erkrankung, gegen 5,7 Tage bei einer Atemwegserkrankung. Wer Fehlzeiten wirklich senken will, kommt an Arbeitsgestaltung, Führung und Rückkehrmanagement kaum vorbei, ein früheres Attest ersetzt das nicht. Näheres dazu finden Sie in unserem Beitrag zur Krankschreibung ab Tag 1.
Der Fehlzeiten-Report 2026 liefert eine Botschaft, die nicht in das Raster der Schlagzeilen passt: Die Zahl der Krankheitstage sinkt, aber wenige, lange Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen belasten Betriebe und Kassen. Das ist unbequem, aber auch ermutigend, denn hier lässt sich etwas tun, durch Führung, Arbeitsgestaltung und Rückkehrmanagement. Wer Beschäftigten Sicherheit und Perspektive gibt, stärkt ihre Gesundheit und dürfte damit auch die eigene Arbeitgebermarke stärken. Recrutis unterstützt Sie dabei, Führungsrollen und Fachstellen mit Menschen zu besetzen, die ein gesundes Arbeitsumfeld tragen.
Häufige Fragen zum Fehlzeiten-Report 2026
Von 284 Tagen je 100 AOK-Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 im Jahr 2025, ein Plus von knapp 42 Prozent.
Im Schnitt 28,5 Tage je Fall, bei Atemwegserkrankungen sind es 5,7 Tage.
Ja, leicht: 23,3 Tage je AOK-Mitglied 2025 nach 23,9 Tagen in den beiden Vorjahren. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die Fehlzeiten unter dem Vorjahreswert.
Berufe im Dialogmarketing, in der Haus- und Familienpflege, der Altenpflege, der Heilerziehungspflege und der Kinderbetreuung.
Nicht automatisch. Psychische Erkrankungen werden laut Riedel-Heller heute besser erkannt und häufiger behandelt, daneben gibt es Hinweise auf reale Zunahmen bei Belastungen.
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AOK-Bundesverband / WIdO: Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen in zehn Jahren um 42 Prozent gestiegen, Pressemitteilung vom 08.10.2026.
Johanna Baumgardt: Fester Job hält gesund, Gesundheit und Gesellschaft 10/2026, 20.10.2026.
AOK-Bundesverband: Fehlzeiten-Report: Psyche (Datenbasis 14,9 Millionen erwerbstätige AOK-Versicherte).
Badura, Ducki, Meyer, Baumgardt, Schröder (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2026: Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken, Springer, 2026.

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